WIE WIRTSCHAFTLICH SIND NACHWUCHSLEISTUNGSZENTREN

Die einen schließen sie, die anderen bauen welche. Nachwuchsleistungszentren sind spätestens seit dem EM-Debakel 2000 und den daraus resultierenden strukturellen Veränderungen in den deutschen Fokus geraten. Doch auch in anderen Ländern, ist eine Fokussierung auf den eigenen Unterbau ein zu beobachtender Trend.
Viele ambitionierte Fußballspieler/innen streben nach Plätzen in diesen Nachwuchsleistungszentren. Und die betreibenden Fußballvereine wollen aus diesen Spielern die nächsten Profis formen.

ENTWICKLUNG DER NACHWUCHSLEISTUNGSZENTREN SEIT 2001

Insgesamt wurden 1,23 Mrd. Euro in den Aufbau und die Entwicklung der Ausbildungsschmieden gesteckt (Stand 11/2017). Diese Kosten stammen natürlich auch aus den infrastrukturellen Änderungen. Funktionale Gebäude und Trainingsplätze, müssen für die jungen Leistungssportler gebaut werden.
Bis Anfang 2015 standen die Investitionen noch bei 939,8 Mio. Euro.

Welche Rahmenbedingungen die NLZs in der Zertifizierung beachten müssen, seht ihr hier:

 

Abbildung 2: Zertifizierungskriterien (Quelle: https://www.dfb.de/index.php?id=1006437)

Verantwortlich für die Zertifizierung ist die belgische Agentur “Double PASS”. Sie darüber hinaus für die Überprüfung des Kriterienkatalogs während den Zertifizierungen bei den NLZ´s verantwortlich.

Double PASS berät neben einzelnen Clubs auch ganze Verbände.
Ihrer Website ist zu entnehmen, wie die “Assessments” (Bewertungen) funktionieren:

“Our assessment is the basis for support and a certification which guarantees the quality of the talent development work.

An assessment is a complete screening of the organisational capacity and set-up of how talent is developed. It includes many different processes and football specific topics. In this way we get a clear view of the situation “as is”. The assessment results in a report with findings, scores and specific recommendations. This usually is the first step towards the improvement of performance.

The double pass assessments are conducted, based on a scientific model, assembling different data into one tool through documentary analysis, standardised interviews and live observations of training sessions and games. They are executed and analysed by experienced football professionals who will make recommendations for improvement so that our customers know where they stand and what they can do to improve.

Optimally assessments are done over specific intervals in time. This allows to compare and quantify progress in capacity and performance.”

 

Abbildung 3: Das “Double PASS” Modell

Nicht alle Vereine des Profifußballs müssen diese Kriterien erfüllen, denn wie Ajoscha Bonarius – Koordinator Zertifizierung Deutschland – im Interview mit dem DFB erklärt, gelten verschiedene Richtlinien:

“Die Erst- und Zweitligisten sind von DFL und DFB dazu verpflichtet, Nachwuchsleistungszentren zu führen. Klubs unterhalb der 2. Liga können diese Kriterien freiwillig erfüllen, um ein anerkanntes Leistungszentrum zu haben. Das ist Voraussetzung bzw. danach auch die Verpflichtung für die Zertifizierung durch Double PASS.” 

Acht Kriterien werden während den Maßnahmen überprüft:

  • Strategie und Finanzen

  • Organisation und Verfahren

  • Fußball-Ausbildung und Bewertung

  • Unterstützung und Bildung

  • Personal

  • Kommunikation und Kooperation

  • Infrastruktur und Ausstattung

  • Effektivität und Durchlässigkeit

Am Ende der Zertifizierung erhalten die Vereine Punkte für die jeweiligen Kriterien. Sind 50% der Punkte erreicht worden, gibt es den ersten Stern. 65% sind schon ausreichend um drei Sterne zu erhalten, was nahezu dem Maximum entspricht. Denn eine “Drei-Stern-Plus” Bewertung ist das Nonplusultra. Dies erhalten Nachwuchsleistungszentren, welche eine besonders hohe Effizienz aufweisen können.

Solche Sterne sind allerdings nicht nur schön anzuschauen, sondern bedeuten auch einen kleinen “Geldregen” für die Vereine. So erhält ein Club für drei Sterne etwa 360.000€ Förderung, für zwei rund 260.000€ und für einen etwa 160.000€.

Diese Subventionen allein, seitens der DFL & des DFB reichen nicht aus für das Finanzieren der Jugendabteilungen. Denn laut “SPONSORS” liegen die durchschnittlichen Ausgaben der Vereine für ihre NLZs bei ca. 2,5 Mio. Euro. 2002/03 gaben die Clubs 47,85 Mio. Euro aus, 2016/17 waren es schon 163,38 Mio. Euro!

Mit dem ein oder anderen Verkauf von Spielern refinanziert sich ein solches Konstrukt natürlich teils sogar über Jahre. Aktuell werden ca. 5600 Spieler in 279 Mannschaften (U12 bis U23) ausgebildet.

ALLES NUR EINE FRAGE DER EFFIZIENZ

Huddersfield Town – der angesprochene Premier League Verein – stuft seine Academy auf Level 4 nach dem “Elite Player Performance Plan” der Premier League herunter. Konzentriert sich dadurch ausschließlich auf die Teams der U18 und U23 , wie Dean Hoyle auf der vereinseigenen Website erläutert:

“With immediate effect, the Club will commence the process of recategorising its Academy from the existing Category 2 setup to Category 4 under the EPPP.
Accordingly, the Club will now run focus on its elite football squads at Under-18 and Under-23 level, focusing on creating a clear pathway to the First Team for players with the ability to thrive.”

Die Nähe zu Manchester und den dort ansässigen und finanzstarken Teams führte scheinbar zu diesem Schritt. Der Verein hat nicht mehr die besten Talente bekommen und sich dafür entschlossen, dass es sie günstiger kommt, hochtalentierte Spieler erst zur U18 zu verpflichten. Das erhöht natürlich drastisch die Prognosewahrscheinlichkeiten.

Gefolgt sind sie damit dem Beispiel von Brentford. Der englische Zweitligist schloss im Jahr 2016 das komplette Nachwuchszentrum. Alle Mannschaften von der U8 bis zur U21 wurden abgeschafft. Sie haben sich entsprechend aus dem “EPPP” verabschiedet. Ihr Modell ist es, eine Auswahl von 18 Spielern im Alter zwischen 17 und 21 Jahren zu betreuen, die sehr eng an der ersten Mannschaft sind.

Folgende Gründe werden aufgeführt.

“As a London club, there is strong competition for the best young players, and the club’s pathways to first team football must be sufficiently differentiated to attract the level of talent that can thrive in a team competing towards the top end of the Championship.

“Moreover, the development of young players must make sense from a business perspective. The review has highlighted that, in a football environment where the biggest Premier League clubs seek to sign the best young players before they can graduate through an Academy system, the challenge of developing value through that system is extremely difficult.”

Entsprechend wird auch hier die große Konkurrenzsituation als Argumentation genommen.

Was machen Clubs wie Manchester City, FC Bayern München, FC Barcelona

Sie schaffen nicht ab, sondern investieren noch mehr in den Nachwuchs. Neue Nachwuchsleistungszentren, neue Strukturen, neue Mitarbeiter, neue Jugendspieler. Es werden keine Kosten und Mühen gescheut, den eigenen Unterbau zu professionalisieren, um  dadurch noch mehr Talente zu produzieren.
70 Mio. Euro kostete der erst kürzlich eröffnete Jugendcampus der Bayern, 200 Mio. Pfund der der Citizens.

Die Bayern Bosse beziehen dabei Stellung auf der eigenen Homepage:

“Es war seit vielen Jahren unser Traum, wie viele große Clubs auf der Welt, auch ein Nachwuchsleistungszentrum zu haben, einen Bayern-München-Campus. Es ist jetzt gelungen, es fast fertig zu stellen“, freute sich auch Hoeneß über die neue Akademie des Rekordmeisters. Auf einer Fläche von 30 Hektar sind seit der Grundsteinlegung im Oktober acht Fußballplätze, davon zwei mit Kunstrasen, eine Dreifachsporthalle, die Jugendakademie und ein Vereinsheim mit Büroräumen entstanden. Im FC Bayern Campus sollen künftig die Profis von morgen ausgebildet werden, damit wieder mehr eigene Talente wie zuletzt David Alaba vor sieben Jahren den Sprung ins Profiteam schaffen. „Wir tun alles dafür, dass wir in Zukunft hier erfolgreicher sind“, sagte Hoeneß. Allerdings räumten alle unisono ein, dass man auch „ein Stück Geduld“ (Rummenigge) haben müsse: „Die Spieler wachsen nicht auf den Bäumen“, merkte Gerland an. Ihm und Sauer sprach Rummenigge sein „totales Vertrauen“ aus. „Wir sind da schon auf einem guten Weg.“

In eine ähnliche Richtung gehen die Aussagen der Manchester City Mitarbeiter:

“Since Sheikh Mansour bought City in the summer of 2008 not one English player developed by the club has started in the Premier League. “This is true and I hope in the next few years we can see some of the young players from the academy come into the first team and have a chance to play regularly,” said Zabaleta. “It means that the quality of the young players what we have in the squad has to improve to have a chance.

“I’m absolutely sure that in the next few years we will see some of them have success in the first team because they have quality. They are better players now and they have competed well in the Champions League youth competition and also in the Premier League Under-21 League so it’s great for them to prepare well for the next few years and have a chance in the first team. I can’t guarantee there will be two or three, we will see. But I can see the quality of them is better than before.”

Diese neuen Möglichkeiten sollen jedoch nicht nur Prestige- und außenwirksame Projekte sein, sondern einen ökonomischen Mehrwert schaffen.
Das Betreiben dieser Zentren ist – ungeachtet der Baukosten – teuer und soll der Ausbildung der Spieler dienen, die später in den Profiligen spielen. Entweder für den eigenen Verein oder aber als Transfereinnahmen verbucht werden können. Nur damit finanzieren sich diese Zentren auf kurz oder lang.
Es geht also um eine einfache Input-Output-Rechnung. Nur wenn sie aufgeht, ist der Betrieb der Zentren wirtschaftlich sinnvoll.

An der folgenden, beispielhaften Grafik wird deutlich, bei welchem Effizienzgrad ein renommiertes Nachwuchsleistungszentrum arbeitet (Knappenschmiede vom FC Schalke 04):

Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/profifussball-der-schwere-weg-in-die-bundesliga-a-1050324.html

“Nach Angaben von transfermarkt.de gab es in den vergangenen zehn Jahren 179 Spieler, die für Schalkes A-Jugend aufgelaufen sind. Nur 31 davon haben jemals ein Bundesligaspiel gemacht. Mehr als 80 Prozent haben den letzten Schritt bis heute nicht geschafft.” (Spiegel)

ERFOLGREICHE NACHWUCHSARBEIT IST MEHR

So einfach ist das jedoch doch nicht. Denn der Talentselektionsprozess ist komplizierter als oftmals angenommen
-> Link “Warum ist Talenterkennung so schwierig?”

Huddersfield und Brentford sind zu dem Entschluss gekommen, dass die Rechnung mit eigenen Zentren für sie nicht aufgeht. Sie konzentrieren sich auf die älteren Jugendteams und erhöhen damit enorm die Prognosewahrscheinlichkeiten einen zukünftigen Profi für die eigenen Reihen zu verpflichten. Doch je älter hochtalentierte Spieler, desto teurer sind sie natürlich auch.

Für die beiden Clubs hat eine retrospektive Betrachtung der letzten Jahren aber dazu geführt, dass sie erkannt haben, dass dieses Verhalten wirtschaftlicher ist.

Für die Vereine, die mehr Geld in ihren Nachwuchs stecken, sollten jedoch einige sportliche Rahmenbedingungen gegeben sein.
Exemplarisch:

  • hohe Übernahmequoten in den U-Mannschaften

  • klare und aufeinander aufbauende Ausbildungsphilosophie

  • die in Prinzipien und keinen starren Mustern (negativ Klassiker: alle Mannschaften spielen 4-3-3) formuliert ist

  • eine hohe Fachkompetenz sämtlicher Jugendtrainer, nicht nur derer ab der U17

  • ständige Weiterbildung des Trainerpersonals

  • klare Strukturen und Entscheidungswege mit klaren Stellenprofilen der jeweiligen Mitarbeiter

  • Personenwissen zu Organisationswissen umwandeln

  • offener, aber dennoch kritischer Umgang mit Innovationen im Sportbereich

Es gibt weltweit bereits zahlreiche Talentschmieden, die mit minimalen Mitteln enorme Erfolge feiern.

Einige davon hat Rasmus Ankersen in seinem Buch “The Gold Mine Effect” beschrieben, nachdem er diese Zentren besucht hat. Eine absolute Leseempfehlung und vermutlich auch bald Thema bei uns im Blog.

By |2018-11-30T14:49:33+00:00März 22nd, 2018|WISSENSTRANSFER|0 Comments

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