WANN SOLLTEN WIR TECHNIKTRAINING ANBIETEN?

„Die müssen die Grundlagen lernen, um sie später drauf zu haben.“
Eine häufig gehörte Phrase von Trainern, die ihre Kinder mit langwierigen Pass- und Dribbelabfolgen quälen. Sie nennen das Ganze dann Einschleifen und rechtfertigen es über eine hohe Wiederholungszahl.
Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – nicht wahr?
Und eine gute Technik ist doch schließlich die Basis für ein später erfolgreiches Fußballspielen. Und je früher und „akkurater“ diese trainiert und beherrscht wird, desto erfolgreicher und ästhetischer wird unser aller Fußball im Seniorenbereich.

Leider falsch!

Gerne zeigen wir auch auf, warum dieser Gedankengang unschlüssig ist und auf das Techniktraining nicht zutrifft.

Welchen Zweck soll eine Technik erfüllen?

Dass die meisten Fehler im Fußball einer schlechten Wahrnehmung und Entscheidungsfindung zu Grunde liegen, haben wir bereits vielfach erwähnt und beschrieben (Entscheidungstraining vs Techniktraining und 10.000 Stunden Regel).

Es gibt einen weiteren Faktor, der entscheidend ist. Die meisten Trainer, die wir kennenlernen durften, trainieren Techniken aufgrund ihrer eigenen Vorlieben oder weil sie es nicht besser wissen und das ja irgendwie auch jeder macht. Fast alle PDF-Dateien, Videos und Trainingsmaterialien sind nunmal auf das Einüben von Techniken ausgelegt.

Doch jetzt kommt die entscheidende Frage, die einen zum Umdenken bewegt:
Welchen Zweck soll eine Technik erfüllen?
Ganz sicher nicht den, perfekt zu sein. Oder extravagant auszusehen.

Technik ist ein Werkzeug. Ein Werkzeug für den Transport der Ideen, die im Kopf entstehen. Technik soll das, was man als Lösung für eine Spielsituation definiert, auf den Platz bringen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie Horst Wein schon sagte: „Fußball beginnt im Kopf und endet in den Füßen.“ Stimmt demnach der erste Schritt schon nicht, können alle weiteren nicht korrekt sein.

Dieses sektenhafte Technikeinschleifen ist in den meisten Bereichen, speziell jedoch im Jugendfußball, völlig fehl am Platz.

Ein Hurra auf die neuronale Plastizität!

Kommen wir zum Argument, dass man Dinge nur in einem bestimmten Alter lernen kann. Hier hat die Wissenschaft andere Ergebnisse liefern können. Der Prozess nennt sich „Neuroplastizität“.
Hochwissenschaftliches Zitat gefällig?
„Unter neuronaler Plastizität versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern.
Der Psychologe Donald O. Hebb gilt als der Entdecker der synaptischen Plastizität. Er formulierte 1949 die Hebbsche Lernregel in seinem Buch The Organization of Behavior. Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gaben Forschungen immer mehr Aufschluss über die plastische Formbarkeit des Gehirns, selbst weit in das Erwachsenenalter hinein.“

Das Argument Kinder möglichst früh mit möglichst vielen Inhalten zu betanken ist demnach schlicht nicht haltbar.

Diese Erkenntnis hat viel Gutes an sich, definitiv nimmt sie nämlich den Druck von uns Trainern, nichts „vergessen“ zu dürfen bei der Ausbildung der jungen Sportler. Wir müssen sie nicht mit maximal vielen Inhalten bombardieren, um das dann ein sinnvolles Training zu nennen.

Wie Richard D. Precht bereits bzgl. des Schulsystems treffend in seinem Auftritt bei Markus Lanz formulierte: „Wir trichtern eine unglaubliche Menge Stoff auf kürzester Strecke in sie hinein und nennen das dann anschließend ein hohes Bildungsniveau. Wobei jeder Experte sagen würde: Wenn sie wirklich Bildung bekommen wollen, dann brauchen sie Muße. Wenn sie wirklich Bildung haben wollen, dann müssen sie in Ruhe frei kombinieren können. Wenn sie Bildung erwerben wollen, dürfen sie nicht im permanenten Stress sein. Das heißt, wir wissen, all das was wir machen, führt zu einem vergleichsweise schlechten Bildungsniveau.
Wir glauben ein besonders hohes Bildungsniveau wäre, wenn wir besonders dicke Lehrpläne schreiben. Das Gegenteil ist der Fall.”

Selbstständigkeit fördern!

Also sollten wir den Spielern Kompetenzen vermitteln, mit denen sie dann selbstständig die ihnen gestellte Aufgaben bewältigen können. Situationen im Spiel lösen damit keinen Stress mehr aus. Und der hilflose Blick zum Trainer, der die Lösung vorsagen soll, kommt ebenfalls nicht mehr vor.

Entsprechend dem Wesen der Kinder und Jugendlichen wollen wir das Training gestalten. Nicht nach unseren eigenen Vorlieben als Trainer.
Jedes Training gegen die Natur der Spielerinnen und Spieler zu agieren, sorgt nur für Frustration – auf beiden Seiten.
Ständig von Disziplin, harter Arbeit und Wille zu sprechen und damit seine Trainingsformen zu argumentieren sorgt genau für die Probleme, die im Jugendfußball im Moment vorherrschen: hohe Drop-Out Quoten, große Frustration, zu starke Ergebnisorientierung und ein Mangel an „Unterschiedsspielern“. Um diese auszubilden, müsste man sie auch „mal machen lassen“. Es scheint allerdings so, dass wir als Trainer genau das verlernt oder nie gelernt haben. Wir denken, den Lernprozess der Kids permanent aktiv betreuen zu müssen, statt sie häufiger ausprobieren zu lassen.

Eine neue Art zu Trainieren braucht das Land!

Doch damit die Kinder überhaupt etwas ausprobieren können, müssten wir unser Training zu einem großen Teil wie wir es kennen umschmeißen.

Deswegen gestalten wir unser Training eben auch nach dem Ansatz Spielform > Übungsform. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen zu spielen und nicht Tausende von einzelner Fertigkeiten isoliert antrainiert bekommen, in der Hoffnung, diese später zu einem großen Puzzle nur noch zusammenstecken zu müssen.
Leider geht das nicht so einfach.
Und so haben wir für uns einen Weg gefunden, das richtige Maß zu finden zwischen Technik- und Entscheidungskorrektur zu erkennen: Wenn die technische Voraussetzung die taktische Qualität limitiert, dann wird korrigiert. Beispiel: Wir spielen ein „Chaospassen“, bei dem viele Aktionen im selben Passfeld passieren und stellen fest, dass ein Spieler Probleme hat die Aufgabe zu meistern. Nun beobachten wir diesen Spieler individuell um herauszufinden, woran das liegt. Hat er die Übung nicht verstanden? Erkennt er das Feld bzw. die Zonen nicht? Das sind beispielhafte „Orga-Fragen“ die wir uns stellen. Denn nicht für alle Kinder ist eine Übung gleich schwer.
Dann folgen die Wahrnehmungs-/Entscheidungsfragen: Hat er seinen Mitspieler erkannt? Hat er die Bewegung der anderen gesehen und richtig interpretiert? War das Passfenster wirklich offen oder hat er „blind“ gepasst?
Und zum Schluss die Technikfragen: War der Pass fest genug? War er präzise genug? Kommt der Ball so an, wie er ankommen soll?

Je nachdem in welchem Teil dieser „inneren“ Fragekette das erste „Nein“ auftaucht, wird an diesem Punkt mit der Hilfestellung angesetzt. Alles andere macht in unseren Augen keinen Sinn. Ich muss nicht seine schlampige Technik korrigieren, wenn er auch mit einer guten seinen Gegenspieler anstelle seines Mitspielers getroffen hätte.

Genau das ist auch für uns auch der Hauptgrund gegen reines Technikschleifen. Zum einen ist es in den meisten Fällen unfassbar langweilig, zum anderen müssen wir in diesen Fällen immer den „Kritiker“ und „Lehrer“ mimen, der an jeder Aktion etwas auszusetzen hat.

Grundlage für ein solches Vorgehen in der Korrektur ist allerdings, dass man immer Aufgaben für die Trainingsinhalte verwendet. Keine Übung darf einen Selbstzweck verfolgen, sondern muss den Spieler vor eine zu lösende Aufgabe stellen.
Nur dann können wir als Helfer agieren und uns an den oben genannten Plan halten. Erarbeiten wir nun die Lösungsfindung zusammen mit den Kindern, steigert dies ihr Kompetenzempfinden.

By |2018-08-27T15:26:12+00:00August 27th, 2018|TRAININGSZEIT|0 Comments

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