DIE JAGD NACH TALENTEN IM KINDERFUSSBALL

Eine Reportage von SportInside sorgte in den vergangenen Wochen für Aufregung. Dort wird berichtet, wie Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren (NLZ) um Kinder im Fußball werben. Der Kampf um „Talente“ hat den Kinderfußball erreicht – weitreichende Folgen für Kinder, Eltern und Vereine.

PROBLEMATIK DER SELEKTION IM KINDERFUSSBALL

Gerade im Kinderfußball ist es schwierig Talente zu identifizieren. Es geht für Profivereine darum, die Spieler zu entdecken, die potentiell „Höchstleistungen im Höchstleistungsalter“ vollbringen können. Nach der Pubertät sind diese Prognosen meist präziser. Je jünger der Spieler desto schwieriger wird es, das Potential abschätzen zu können. Häufig dient eine aktuelle Leistungauffälligkeit als Selektionsgrund. Im Kindesalter wird diese aber durch zahlreiche Störfaktoren verzerrt.

STÖRFAKTOR ALTERSEFFEKTE
  1. Biologisches Alter: Manche Kinder entwickeln sich körperlich schneller als andere Gleichaltrige. Meist sind akzelerierte (frühentwickelte) Spieler aufgrund des biologischen Alters schneller, größer, stärker oder haben ein flüssigeres Bewegungsbild. Ein Vorteil, vor allem im Kinderfußball.
  1. Trainingsalter:
    Spieler, die bereits früher mit dem Fußball beginnen, sind in der Regel besser. Sie sammelten mehr Erfahrungen und sind mit Regeln und Abläufen vertraut.
  1. Kalendarisches Alter:
    Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs, ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Bei 10-Jährigen ergibt dies einen Erfahrungsvorsprung von 10%. Ein höheres kalendarisches Alter hat oft eine höhere biologische Reife und/oder ein höheres Trainingsalter zur Folge, ist jedoch im Einzelfall nicht zwingend mit den beiden Effekten gleichzusetzen. Der Relative Age Effect ist hier das daraus folgende Phänomen.

Diese drei Faktoren haben im Kinder- und Jugendfußball erheblichen Einfluss auf die momentane Leistung. Im Entwicklungsprozess der Kinder haben sie je nach Alter eine unterschiedliche Gewichtung. Während zu Beginn der „Karriere“ Trainingsalter und Erfahrungsschatz im Sport großen Einfluss haben, gleichen sich diese Effekte mit den Jahren meist aus. Der Einfluss des biologischen Alters ist meist in der Pubertät und unmittelbar danach am größten. In dieser sensiblen Entwicklungsphase fallen Reifeunterschiede mitunter besonders groß aus.

Problematisch wird es nun, wenn sich die Leistungsauffälligkeit hauptsächlich auf einen oder mehrere dieser Punkte zurückführen lässt. Wird nun beispielsweise der biologische Reifevorsprung geringer und dadurch der Spieler im Vergleich zu seinen Teamkollegen schwächer, hat dies nicht selten einen Ausschluss aus dem NLZ zur Folge. „Der Spieler habe sich nicht wie erwartet entwickelt.“

Was bleibt sind enttäuschte Kinder und Eltern. Trotz des jungen Alters wurde mitunter viel Zeit investiert. Training, Anfahrt, Turniere, lange Auswärtsfahrten. Ein betroffener Trainer beschreibt im Beitrag von SportInside, welches Problem er bei den zurückkehrenden Kindern beobachtet:

DIE JAGD NACH JUNGEN TALENTEN IM KINDERFUSSBALL – ENTWICKLUNG

Vereine wie der FT Gern berichten im Beitrag von einer problematischen Entwicklung. Immer früher werben die großen Nachwuchsleistungszentren die Spieler ab. Mitschuld könnte eine Reform der DFL und des Deutschen Fußball-Bundes tragen.

Seit dem 1. Januar 2018 müssen bei Transfers innerhalb von zertifizierten Nachwuchsleistungszentren Ausbildungsentschädigungen schon ab der U12 entrichtet werden. Will oder kann sich ein NLZ dies nicht leisten, muss man die Spieler möglichst früh entdecken. Andererseits wird diese Entschädigung auch fällig, wenn ein Spieler beispielsweise in der U13 nicht mehr mit den besten mithalten kann und in ein „kleineres“ NLZ wechselt.

KONSEQUENZEN FÜR DIE NACHWUCHSLEISTUNGSZENTREN

Jüngst berichtete die ARD von Untersuchungsergebnissen, wonach nur 3% der Spieler aus der U19 von Nachwuchsleistungszentren in Profiligen unterkommen. Eine Studie der TU Kaiserslautern aus dem Jahr 2013 zeigt, dass ca. ein Viertel der Spieler aus Internaten und Nationalmannschaften jedes Jahr ausgetauscht werden.
Die Übergangswahrscheinlichkeiten müssen also in jedem Nachwuchszentrum erhoben und kritisch reflektiert werden. Ein systematisches Kader-Controlling kann hier die notwendigen Kennzahlen liefern. Ergeben sich Flaschenhälse, d.h. wenig Spieler schaffen den Sprung von einer Altersstufe zur nächsten, muss man dies durch zielgerichtete Maßnahmen bearbeiten. So ist ein durchgängiges Spielkonzept unabdingbar. Spielprinzipien, die aufeinander aufbauen. Stück für Stück und in den einzelnen Altersstufen vermittelt. Damit ein langfristiger Talentaufbau nicht nur auf dem Papier in der NLZ-Philosophie existiert. Dabei gilt es, im Kleinfeld-Bereich diese Prinzipien aber auch das Training und Trainerverhalten so anzupassen, dass die Inhalte an den Kindern und ihrem Entwicklungsstand orientiert sind. Auch wenn sie sich vermeintlich im Setting „Leistungssport“ befinden, sind sie eben in erster Linie Kinder. Spaß und Dynamik sollten als Katalysator für die sportliche Entwicklung dienen und nicht Druck.

Im Einzelfall muss immer kritisch hinterfragt werden, ob der Übertritt ins NLZ sinnvoll ist. Nicht immer bedeutet dies, dass sich der Spieler automatisch besser entwickelt. Die Hoffnungen der Eltern und Versprechungen von Beratern stehen dieser kritischen Reflexion oft im Weg.

QUELLEN
By |2019-05-03T12:11:37+00:00Mai 3rd, 2019|WISSENSTRANSFER|0 Comments

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