TAKTIKLERNEN UND ENTSCHEIDUNGSTRAINING

WIE BEEINFLUSSEN WIR ALS TRAINER DIE ENTSCHEIDUNGEN DER SPIELER?

Schnell im Kopf oder schnell in den Beinen? Die rasante Entwicklung im Profifußball lässt vermuten, dass man hier keine Wahl mehr hat. Im besten Fall besitzt der Spieler sowohl eine schnelle Auffassungsgabe wie Entscheidungsfindung und hat die körperlichen Voraussetzungen für eine schnelle Umsetzung in motorische Abläufe.

Zumindest die Erfahrungen und wissenschaftlichen Bemühungen im Forschungsbereich “Athletik” halten bei dieser Entwicklung Schritt. Zuletzt erfuhr das Thema “Neuroathletiktraining” einen regelrechten Hype in der Branche.

Doch wie sieht hier die Entwicklung für das Thema “Taktik” aus? Welche bahnbrechenden neuen Erkenntnisse wurden hier zuletzt veröffentlicht?

Das übergeordnete Prinzip bietet dabei eine alters- und entwicklungsgerechte Herangehensweise in der Vermittlung von relevanten Inhalten.

Wenn es nun an den Themenkomplex der Fußballtaktik geht, muss über die inhaltliche Gestaltung von Training gesprochen werden.
Viele Trainer und auch Konzepte von Vereinen konzentrieren sich nur auf die Technikvermittlung. Technik ist jedoch nur ein Drittel einer Prozesskette, die noch andere wichtige Bausteine beinhaltet!

Ein solcher Ablauf entspricht auch dem sportwissenschaftlichen Modell nach Mahlo:

Auf welchen dieser Bereiche wird sich die meiste Zeit im Training fokussiert? In der Regel ist das der Bereich der “motorischen Lösung”. Hier wird verbessert und in isolierten Trainingsformen bis ans Maximum korrigiert, um es den Spielern später auf dem Platz vermeintlich leicht zu machen.

Das entspricht allerdings nicht der ganzen Wahrheit.

WAS BEDEUTET DAS FÜR DIE PRAXIS IM TRAINING MIT DEN SPIELERN?

Grundsätzlich unterscheidet man als Trainer häufig in Spieler mit einer guten Intuition und spielintelligente Spieler. Im letzteren Fall gehen wir von mehrheitlich bewussten Prozessen aus und bei Intuitionsspielern vermuten wir, dass eine Erklärung der Entscheidungsfindung
eher dürftig ausfallen würde. Doch wie laufen die Prozesse bei den Spielern im Kopf ab?

Abzug aus der Fußballtraining Zeitschrift von 12/2018 – Bestellbar unter Fußballtraining

SPIELER MIT PRINZIPIEN STIMULIEREN, NICHT INSTRUIEREN!

Das Gegenteil zum Prinzipientraining wäre ein Training von „Algorithmen“, also starren und vordefinierten Handlungsabläufen. Auch ein solches Training wird immer wieder – selbst im Profibereich – beobachtet.

Wir sollten unseren Spielern viel eher die Kompetenz an die Hand geben, Spielsituationen und aufkommende Herausforderungen selbstständig lösen zu können. Auch Schülern kann man in ihrer Laufbahn im Bildungssystem nicht jegliches erhältliches Wissen vermitteln und alle Themenbereiche dieser Welt abdecken. Man kann ihnen aber zeigen, wie sie Inhalte lernen und woher sie diese bekommen. Das ist wichtiger, denn damit gibt man ihnen einen Zugang zu allem verfügbaren Wissen dieser Welt.

Hält man sich an diese Prämisse stellt sich die Frage, wie die Trainingsinhalte aufbereitet sein müssen, um ein effizientes Lernen zu garantieren. Wenn wir Freude und Lerninhalte verbinden können, sprechen wir von Effizienz.

Was macht dem 7-Jährigen Spaß und was dem 20-Jährigen? Worin unterscheiden sich diese Zielgruppen? Mit diesen Fragen sollte man in die Trainingsplanung gehen, da sie den Grundstein legen. Das ist nicht immer und in jeder Sekunde des Trainings umzusetzen. Jedoch sind die meisten Trainingseinheiten die wir beobachten nicht darauf ausgelegt, Spaß zu bereiten – außer vielleicht im Abschlussspiel.

DAS LERNZIEL NIE ALS SELBSTZWECK

Ist diese Grundlage geschaffen und die Spieler haben eine positive Verbindung zum Training, kann man über die Art und Weise der Vermittlung sprechen.
“Die nächste Übung machen wir, um unser Passspiel zu verbessern”. Ein häufig zu hörender Satz auf Fußballplätzen. Das Lernziel stellt einen Selbstzweck dar. Alternativ wird auch in die Zukunft argumentiert: “Das werdet ihr später mal brauchen”, “Am Wochenende kannst du das so nicht machen”.

Im Nachwuchsbereich scheitern solche Instruktionen häufig am fehlenden Abstraktionsvermögen und prospektiven Denken der Kinder und Jugendlichen. Dr. Peter Kuhn nennt Kinder in diesem Zusammenhang auch “Zen-Meister”, da im Sport für sie immer der Augenblick entscheidend ist. Doch auch Erwachsene stellt das vor Motivationsprobleme, denn das direkte Feedback fehlt. Viele Menschen rauchen auch, obwohl sie ganz genau wissen, dass dieses Verhalten in einigen Jahren Konsequenzen haben kann oder wird. Dennoch tun sie es, denn das direkte Feedback fehlt auch hier. Würde Rauchen sofort Kopfschmerzen oder andere akute Probleme auslösen, wäre die Anzahl an Rauchern vermutlich deutlich geringer.

Gegen diesen Fakt können wir uns nicht wehren. Wir können ihn uns aber durchaus zu Nutze machen. Wenn wir wissen, dass direktes Feedback notwendig ist um Verhalten zu ändern, dann sollten wir unsere Trainingsformen entsprechend planen.
Den Spielern als Trainer ständig Ratschläge zu geben, nutzt sich ab.

Dann lieber ein anderer Weg. Die Trainingsform selbst könnte doch das Feedback liefern und das am besten mit sicht- und greifbarem Feedback für die Spieler. Das Spiel am Wochenende ist mit seinem Ergebnis auch ein Feedbacksystem.

„GASSENPASSEN“

  • Hütchen bzw. Spieler gemäß der
    Abbildung aufstellen.
  • Die Spieler passen sich den Ball
    durch das Hütchentor zu und
    stellen sich hinten wieder an.
  • Verschiedene Kontaktvorgaben und
    auch als Wettkampf möglich.

Oft werden solche Trainingsformen auf Deutschlands Fußballplätzen beobachtet. Wahlweise sind die Hütchen in anderen Formen und Abfolgen aufgebaut, der Charakter dieser Übungen bleibt aber meist derselbe: vordefinierte Handlungen und keine Alternativen.

In beiden Beispielen fehlen aus der Kette “Wahrnehmung – gedankliche Lösung – motorische Lösung” die ersten beiden Phasen. Dadurch, dass die Mitspieler immer an der gleichen Position sind und der Pass am besten auch immer gleich kommen sollte, sind diese Phasen auch nicht notwendig. Bei dem Beispiel gibt es kaum eine klare Unterscheidung zwischen einem guten und einem schlechten Pass.
In der Form gibt das Hütchentor ein zumindest sichtbares Feedback: Geht der Ball durch das Tor, war der Pass gut – zumindest in der Theorie. Alle weiteren Kriterien für einen “guten” Pass werden allerdings nicht gefeedbackt. Gestaltet man diese Form nun als Wettkampf, ist man wieder einen Schritt weiter. Zu schwache Pässe sorgen für eine geringere Frequenz was dann zur Folge hat, dass man gegen das andere Team verliert. Die Situationen sind jedoch standardisiert und in jedem Durchlauf gleich. Das führt zu Langeweile und ist nicht spielnah. Das Fußballspiel verlangt weiterhin jeden Schritt des Modells nach Mahlo.

Um es das nächste Mal besser machen zu können, benötigt der Spieler nun eine Instruktion vom Trainer. Zum einen warum der Pass nicht gut war und zum anderen, was er besser machen kann. Bleibt dieses Feedback aus, kann man nicht davon ausgehen, dass der Spieler besonders viele Dinge für seine weitere Entwicklung mitnimmt.

ALTERNATIVE – CHAOSPASSEN

  • Hütchen bzw. Spieler gemäß der Abbildung
    aufstellen
  • Die Spieler behalten den Ball immer in ihrem Team.
  • Der Spieler in der Mitte wird angespielt und nimmt den Ball mit und passt ihn aus dem Feld auf die andere Seite
  • Jeder Spieler läuft seinem Pass nach. Von außen dann in das Feld, aus dem Feld nach außen.
  • Distanzen variieren, Kontakte frei/vorgeben. Ebenfalls als Wettkampf möglich.

Diese Übung ist unser Paradebeispiel, wenn die klassische Technik-Aussage formuliert wird: “Meine Spieler sind technisch noch nicht so weit um die ganzen Spielformen zu spielen!”. Selbst Technikformen kann man in der Kette “Wahrnehmung – gedankliche Lösung – motorische Lösung” ablaufen lassen. So auch in dieser Form.

Die Spieler müssen ständig darauf achten, wo Lücken zum Freilaufen und Anspielen vorhanden sind. Als Wettkampfform ist ein schnelles und zielgerichtetes Freilaufen noch wichtiger!

Die beschriebenen Inhalte werden auch in Spielen, Turnieren und Wettkämpfen verlangt. Je kleiner die Lücke zwischen Trainingsform und Wettkampf ist, desto eher werden die Inhalte auch umgesetzt. Eine altersgerechte Trainingsgestaltung ist dennoch Priorität Nummer Eins!

IN AUFGABEN UND PRINZIPIEN DENKEN!

An erster Stelle sollten demnach die Spieler und ihre zu lösenden Aufgaben stehen.
In Passfolgen, Spielaufbausequenzen und “Trockenübungen” können wir nur kritisieren und auf Fehler hinweisen, um die Spieler lernen zu lassen. Deshalb versuchen wir als Unterstützer aufzutreten und den Spielern bei der Aufgabenbewältigung zu helfen!

Da wir in offenen Spielen nicht jede Kleinigkeit bestimmen können, wie wir das bei einer Passübung in Gassenaufstellung könnten, müssen wir in allgemeingültigen Prinzipien denken.

Für uns leiten sich diese Prinzipien aus einer übergeordneten Spielphilosophie ab. Diese ist im besten Fall durch den Verein vorgegeben, da damit gewährleistet ist, dass auch alle Trainer eine ähnliche Idee vermitteln.
Aus diesen Prinzipien sind Methoden zu entwickeln, die konkrete Handlungsalternativen aufzeigen. Daraus lassen sich schließlich Trainingsformen ableiten.

BEISPIEL

Normalerweise hat der Verein eine Spielphilosophie für die vier Spielphasen “eigener Ballbesitz”, “gegnerischer Ballbesitz”, “Ballgewinn” und “Ballverlust” definiert. Wir raten davon mittlerweile ab. Eine solche Herangehensweise ist nämlich stark trainerzentriert. Der Trainer muss die Inhalte später nicht auf dem Platz umsetzen, sondern seine Spieler. Also haben wir für uns eine andere Form gefunden. Die Spielphasen sind nun unterteilt in “meine Mannschaft hat den Ball”, “ich habe den Ball”, “die gegnerische Mannschaft hat den Ball” und “mein Gegenspieler hat den Ball”. Das verändert die Art der Vermittlung für den Trainer. In gruppen- oder mannschaftstaktischen Formaten zu denken, benötigt nämlich auch wieder ein ausgeprägtes Abstraktionsvermögen. Am besten also gleich aus Sicht der Spieler denken.

Bei gegnerischem Ballbesitz ergeben sich dann unterschiedliche Aufgaben für die Spieler auf dem Platz.

Hier sind klare Unterschiede wenn “mein Gegenspieler” oder “die gegnerische Mannschaft” in Ballbesitz ist.

Für den Spieler, dessen Gegner den Ball hat, finden sich Prinzipien wie “Ich gehe intelligent in meinen Zweikampf” oder “Ich erkenne und nutze Pressingauslöser”. Für die anderen Spieler könnten dann die Prinzipien “Ich schütze das Zentrum” oder “Ich unterstütze meinen Mitspieler beim Ballgewinn” formuliert werden.

Unter dem Prinzip “Ich gehe intelligent in meinen Zweikampf” finden sich dann die Methoden, wie man Zweikämpfen intelligent führt: bspw. “Ball sehen”, “seitliche Stellung” oder auch “vordecken”. Dazu jedoch mehr im Beitrag von Fußballtraining.

Für eine E-Jugend könnte man altersgerecht folgende Prinzipien und Methoden formulieren, wenn die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist:

Bei den jüngeren Teams hat man insgesamt weniger Prinzipien und Methoden. Wichtig ist allerdings, dass jedes Prinzip, das in einer U9, U12 oder U14 vorkommt, sich auch in der U17 und U19 wiederfindet. Bei professionellen Vereinen hat eine solche Struktur darüber hinaus zur Folge, dass Scoutingkriterien klarer werden und die Spielerselektion objektivierbarer wird.

Die Spieler haben diverse Vorteile von diesem Ansatz, kommen in einen “Flow” und wissen zu jedem Zeitpunkt auf dem Platz, was sie tun können oder müssen.

Technische Aspekte spielen bei der Umsetzung und Meisterung der Aufgaben ebenfalls eine Rolle. Doch um zu wissen, welche technischen Probleme die Spieler haben, muss ich sie in spielnahe Situationen bringen. Hier werden sich die Unzulänglichkeiten klar äußern und wenn es notwendig ist, kann ich gezielt mit diesem Spieler daran arbeiten. Ist die Ausführung unter Druck das Problem, sollte dieser Spieler nicht stupide das Passen von Hütchen zu Hütchen trainieren.

SEBASTIAN VETTELS WERDEGANG

Leider ist dieser Ansatz im Jugendfußball sehr weit verbreitet. Sebastian Vettel trainierte als Kind das Lenken, Schalten oder Gas nicht isoliert. Er ist altersgerecht erst Gokart gefahren. Durch das Wahrnehmen von Kurven, Geschwindigkeit, anderen Fahrern und möglichen Überholmanövern wurde er zu einem außergewöhnlichen Fahrer. Diese Dinge sind isoliert kaum zu trainieren.
Jede erstmalige Fahrstunde beginnt mit einer kurzen Instruktion. Anschließend fährt man einmal über den Parkplatz oder den Hof und danach in den echten Straßenverkehr. Der Fahrlehrer selbst unterstützt und hilft uns dann dabei, im Verkehr besser klar zu kommen. Er versucht uns so schnell wie möglich von seinen Anmerkungen und Erinnerungen ans Schalten oder Blinken zu befreien, damit wir selbstständig werden. Ein solches Verhalten sollten wir auch öfter im Training zeigen.

Kommen wir zurück zur Trainingsplanung, lassen sich natürlich auch mannschaftstaktische Prozesse abbilden.

WENN´S SEIN MUSS AUCH IM 11VS11

Falls man der Meinung ist, 11-gegen-11 Formen im Training spielen/trainieren zu müssen (sind wir persönlich nicht), kann man auch hier verschiedene Möglichkeiten nutzen, die Spieler “automatisch” lernen zu lassen. Diese sind bereits vielen bekannt und beinhalten bspw. Regeln mit der Mittellinie oder bestimmten Zonen.
Wenn nicht alle Spieler in der eigenen Hälfte sind, zählen die Tore des Gegners doppelt. Dadurch werden sich auch die vorderen Positionen an das Prinzip “ich unterstütze meinen Mitspieler beim Ballgewinn” halten, da dort als eine Methode “Anschluss halten” verlangt wird.
Auch der Spielraum als solcher kann verändert werden. Beispielsweise durch bestimmte Zonen, eine andere Toranzahl und -position oder neue Zahlenverhältnisse.

Gelten nun Tore durch eine markierte Mittelzone (bspw. “doppelter Strafraum”) ebenfalls doppelt, werden die Spieler versuchen das Zentrum zu schützen. Und damit erfüllen sie genau das Prinzip “ich schütze das Zentrum”. Wenn sie nicht genau wissen, wie sie das tun sollten, können wir ihnen Methoden zeigen. Hier findet sich dann “innere Linie zu” oder “Gegner nach außen lenken”.

VON THOMAS TUCHEL LERNEN!

Wir beziehen uns hier gerne auf Thomas Tuchels Vortrag, in dem er sein Prinzip “diagonal-flach” erläutert. Seine Mannschaft in Mainz hatte nämlich nach der Übernahme durch ihn und sein Trainerteam eine bestimmtes Muster gezeigt, die ihnen missfiel. Sie spielten den Ball häufig die Außenlinien entlang. Für Tuchel ist dies jedoch ein Pass, der häufig zu Ballverlusten führt und selbst wenig Aussichten auf einen Torerfolg hat.
Folgerichtig schnitt er die Ecken sämtlicher Trainingsspielfelder ab. Er wollte nicht bei jedem “Longline-Pass” die Spieler korrigieren, dass doch “diagonal-flach” gespielt werden solle. Das war nämlich ein Spielprinzip für die Phase im eigenen Ballbesitz: “diagonal-flach”.
Ein Paradebeispiel für eine implizite Trainingsform.

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By |2018-12-07T15:48:06+00:00Dezember 7th, 2018|WISSENSTRANSFER|0 Comments

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