DER RELATIVE AGE EFFECT – TEIL 1

Die Jugendakademie des FC Barcelona La Masia ist weltweit bekannt für die Entwicklung junger Fußballtalente.  Entscheidenden Einfluss auf Barças Nachwuchsarbeit hatte der Niederländer Johan Cruyff, der La Masia nach seinem Amtsantritt 1988 modernisierte. Die Cantera (deutsch: Steinbruch), wie die Nachwuchsabteilung in Spanien genannt wird, entwickelte sich unter Cruyffs Führung zu einem wichtigen Baustein des Erfolgs, an dessen Spitze der Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1992 gegen Sampdoria Genua stand (Schulze-Marmeling, 2010). Johan Cruyffs Sohn Jordi fasst die charakteristische Philosophie folgendermaßen zusammen: „Der Grundgedanke bei der Spielerausbildung in Barcelona ist anders als fast überall sonst. In Barcelona spielt es keine Rolle, wie schnell, wie groß, wie stark ein Junge ist. Es zählt nur eins: Wie gut ist er mit dem Ball?“ (Reng, 2006, o.S.).  Diese Philosophie forderte ein Umdenken bei den Jugendtrainern. Deutlich wird der beschriebene Umstand in folgendem Zitat über Josep „Pep“ Guardiola, der Teil des von Cruyff trainiertem sogenannten „Dreamteams“ war.

Die Aussage des Holländers zeigt eine entscheidende Problematik in der Ausbildung von Fußballspielern auf. Zwar wollen Trainer Spiele gewinnen und werden auch oft an diesen Ergebnissen gemessen. Das übergeordnete Ziel sollte jedoch die Ausbildung und Verbesserung von talentierten Spielern sein. Ein Aspekt, der mit diesem Gedanken konkurriert, ist die unterschiedlich schnelle physische und psychische Entwicklung von Kindern bzw. Jugendlichen, wie im Fall Guardiola. Wie die Karriere des herausragenden Spielers und Trainers Pep Guardiola verlaufen wäre, lässt sich nur erahnen. Guardiola selbst vermutet, er wäre in keiner anderen Fußballschule als La Masia unter dem Einfluss von Cruyff Profispieler geworden (Henseling, 2016). Stimmt die Vermutung Guardiolas, wäre dies, im Nachhinein ersichtlich, ein Auswahlfehler mit weitreichenden Folgen. Werden vermehrt körperlich weiterentwickelte Spieler bevorzugt, äußert sich dies oft in einem Relative Age Effect.

Was ist eigentlich dieser „Relative Age Effect“?

Im Jugendfußball werden Kinder nach ihrem chronologischen Alter eingeteilt. Ziel ist es, gleiche und gerechte Wettkampfbedingungen für Heranwachsende in ihren unterschiedlichen Entwicklungsniveaus zu schaffen (Baker et al., 2010). Der Deutsche Fußball- Bund hat für die Einteilung in Jahrgänge den 1. Januar als Stichtag festgesetzt. Jahrgänge werden wiederum als Doppeljahrgänge zu Altersklassen von U19 bis U7 zusammengefasst (DFB, o.J.). Trotz dieser Einteilung, die intendiert Chancengleichheit zu schaffen, entstehen Vor- bzw. Nachteile für die betroffenen Kinder. Diese Diskrepanz zieht wiederum kurz- und langfristige Konsequenzen mit sich, die unter dem Begriff „relative Alterseffekte“ (engl. „relative age effects“) (Baker et al., 2010, S. 3) fallen. Ein Relative Age Effect (RAE) liegt dann vor, „wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Normalbevölkerung verteilt sind“ (Lames et al., 2008, S. 4). Zahlreiche Studien zeigen bei Jugendauswahlmannschaften, wie beispielsweise in Junioren-Nationalmannschaften, eine Überrepräsentation von Spielern, deren Geburtstag zu Beginn des Jahres ist (Votteler & Höner, 2017).

Wie entsteht der Relative Age Effect?

Wie kommt es nun zu dieser Umverteilung der Geburtsdaten? Die Literatur liefert hier einige interessante Erklärungen.
Musch & Grodin (2001) bezeichnen Wettkampf als notwendige Bedingung für die Entstehung eines Relative Age Effekts. Würden nur 15 Spieler für 15 freie Plätze in einer Mannschaft zur Auswahl stehen, wäre kein RAE zu erwarten. Die Selektion von Sportlern, wie oben bereits angedeutet, kann somit als Grundvoraussetzung für den Effekt genannt werden. Auch die Größe des Pools, aus welchem selektiert wird, scheint entscheidend zu sein. Cobley et al. (2008) untersuchten die Entwicklung des Relative Age Effects von 1963/64 bis 2006/07 bei Spielern und Trainern und die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die steigende Population Deutschlands und immer größer werdende Beteiligung am Fußballsport den RAE beeinflusst.

Welche Gründe gibt es nun gibt, einen früh im Jahr geborenen Jugendspieler bevorzugt auszuwählen?

Primär werden Reifeunterschiede als Ursache für die systematische Bevorzugung relativ älterer Athleten genannt. Einige Studien (Barnsley et al., 1985; Nolan & Howell, 2010) fanden einen starken Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat und der Proportionen von Eishockeyspielern. Spieler, die in den ersten Monaten eines Jahres geboren wurden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit physisch weiter entwickelt. Ein Mehr an Körpergröße und Masse kann die Folge sein, was sich (bis zu einem bestimmten Grad) positiv auf Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit auswirkt (Malina et al., 2004). Gerade in einem körperbetonten Spiel wie Fußball verschaffen die drei Variablen Körpermasse, Entwicklungsstand und Größe Spielern Vorteile, wenn es darum geht in  Auswahlmannschaften berufen zu werden.

Ein zweiter Ansatzpunkt ist die zusätzliche Erfahrung der relativ Älteren (Musch & Grodin., 2001). Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs, ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Ein 10-Jähriger hat somit 10% mehr Lebenszeit, was zu gesteigerter Lebenserfahrung führt.

Die durch die Diskrepanzen in der Entwicklung entstehende unterschiedliche fußballerische Performance kann wiederum die psychische Entwicklung beeinflussen und dadurch den Relative Age Effekt verstärken und stabilisieren (Musch & Grodin., 2001).

Was dies für den Jugendfußball bedeutet und welche Faktoren den RAE beeinflussen erfahrt ihr nächste Woche.

Referenzen

Baker, J., Schorer, J., & Cobley, S. (2010). Relative age effects. Sportwissenschaft, 40 (1), 26-30.

Barnsley, R. H., Thompson, A. H., & Barnsley, P. E. (1985). Hockey success and birthdate: The relative age effect. Journal of the Canadian Association for Health, Physical Education and Recreation, 51, 23-28.

Cobley, S., Schorer, J. & Baker, J. (2008). Relative age effects in professional German soccer. A historical analysis. Journal of Sports Sciences 26 (14), 1531–1538. doi: 10.1080/02640410802298250.

DFB (o.J.): Jugendordnung. Abgerufen von: https://www.dfb.de/fileadmin/_dfbdam/144582-10_Jugendordnung.pdf

Henseling, Marco (2016). Wer zu spät kommt, den bestraft der Verband. Abgerufen von http://spielverlagerung.de/2016/03/31/wer-zu-spaet-kommt-den-bestraft-der- verband/

Lames, M., Augste, C., Dreckmann, C., Görsdorf, K., & Schimanski, M. (2008). Der “Relative Age Effect” (RAE): neue Hausaufgaben für den Sport. Leistungssport, 38 (6), 4-9.

Malina, R. M., Eisenmann, J. C., Cumming, S. P., Ribeiro, B., & Aroso, J. (2004). Maturity-associated variation in the growth and functional capacities of youth football (soccer) players 13–15 years. European journal of applied physiology, 91 (5-6), 555-562. doi: 10.1007/s00421-003-0995-z.

Musch, J., & Grondin, S. (2001). Unequal competition as an impediment to personal development: A review of the relative age effect in sport. Developmental review, 21 (2), 147-167.

Nolan, J. E., & Howell, G. (2010). Hockey success and birth date: The relative age effect revisited. International Review for the Sociology of Sport, 45 (4), 507-512. doi: 10.1177/1012690210371560.

Reng, R. (27.06.2006). Hier regiert die Cruyff-Kultur. taz. Abgerufen von www.taz.de

Schulze-Marmeling, D. (2010). Barca: oder die Kunst des schönen Spiels. Göttingen: Verlag Die Werkstatt.

Votteler, A., & Höner, O. (2017). Cross-sectional and longitudinal analyses of the relative age effect in German youth football. German Journal of Exercise and Sport Research, 47 (3), 194–204.

By |2018-11-23T12:40:11+00:00November 3rd, 2018|WISSENSTRANSFER|1 Comment

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  1. […] Was es genau mit diesem Effekt auf sich hat und wie er zustande kommt, könnt ihr noch einmal hier nachlesen. Nun Teil zwei unserer Reihe. Welche Systeme im Jugendfußball sind vom Relative Age […]

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