DER RELATIVE AGE EFFECT – TEIL 2

Vor zwei Wochen befassten wir uns erstmals in einem Blogbeitrag mit dem Relative Age Effekt. Was es genau mit diesem Effekt auf sich hat und wie er zustande kommt, könnt ihr noch einmal hier nachlesen.
Nun Teil zwei unserer Reihe. Welche Systeme im Jugendfußball sind vom Relative Age Effect betroffen? Warum fällt der RAE in verschiedenen Auswahlstufen unterschiedlich aus? Was bedeutet das Ganze eigentlich für die Spieler und Vereine?
Wir haben für euch wissenschaftliche Ergebnisse zusammengetragen und geben euch die Antworten.

Einflussfaktoren des Relative Age Effects

Betrachtet man die Entstehungsmechanismen des Relative Age Effects, ergeben sich verschiedene Determinanten. Da der Entstehung eine Selektion zu Grunde liegt, ist nicht verwunderlich, dass das Selektionsniveau von entscheidender Bedeutung ist.

Votteler & Höner (2011) begründen den in den DFB- Stützpunkten geringer ausgeprägten RAE mit dem in größerer Breite angelegtem Talentförderprogramm. Bei über 12.000 Spielern, die in den Genuss dieser Zusatzausbildung kommen, wird der Selektionsdruck gesenkt, was das Risiko herabsetzt relativ Ältere zu selektieren. Bei jeder Auswahlstufe mit gesteigertem Selektionsniveau nimmt auch die Effektstärke des RAE. Der größte RAE innerhalb der Talentfördermaßnahmen des DFB ist somit in den Junioren-Nationalteams festzustellen, da hier auch die geringste Kadergröße der Talentförderstufen zu beobachten ist.

Ein weiterer Einflussfaktor scheint das Alter zu sein. Das Alter ist nach Lames et al. (2008) dann von entscheidender Bedeutung, wenn:

  1. der Athlet sich in einer sensiblen Entwicklungsphase befindet (Pubertät), in welcher die Entwicklungsunterschiede noch drastischer ausfallen können oder
  2. der Sportler relativ jung ist. Der relative Altersunterschied fällt bei jungen Nachwuchsspielern deutlicher ins Gewicht. Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs, ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Ein 10-Jähriger hat somit 10% mehr Lebenszeit, was zu einem größeren Erfahrungsschatz führt. Ein Jahr bei einem 20-Jährigen bedeutet so zum Beispiel nur noch 5% Erfahrungsvorsprung.

Eine Wechselwirkung zwischen Absolutalter und Relativalter ist bis ins hohe Fußballeralter zu erkennen. Bäumler (1998) fand bei der Untersuchung von Bundesligaspielern eine deutliche Umverteilung der Geburtsdaten von Spielern, die am Anfang ihrer Bundesligakarriere stehen, z.B. in der Altersgruppe der 18- bis 20-Jährigen. Bei Betrachtung der 30- bis 32- und 33- bis 35-Jährigen ist jedoch erkennbar, dass deren Geburtsdaten nahezu gleichverteilt sind. Bäumler macht für diese Ergebnisse den ausklingenden Reifeprozess und damit ein Verschwinden der Vorteile durch das höhere Relativalter verantwortlich.

Als ein weiterer Einflussfaktor ist die Spielerposition zu nennen. Eine Analyse von Romann & Fuchslocher (2013) zeigte bei Schweizer Elite-Jugendspieler, dass Torhüter und Verteidiger, insbesondere Innenverteidiger, am stärksten vom Relative Age Effect betroffen waren. Der RAE hängt also mit dem physischen Anforderungsprofil der einzelnen Spielpostitionen zusammen. Auch Sportart und Geschlecht beeinflussen den Relative Age Effect. Ist Körperlichkeit in einer Sportart wichtig, ist zu erwarten, dass ein Relative Age Effect auftritt. Dass soziale Komponenten einer Sportart, wie beispielsweise deren Popularität entscheidend sein können, wurde bereits erörtert. Der Einfluss des Geschlechts wird vor allem durch die Tatsache deutlich, dass die Pubertät bei Jungen und Mädchen in unterschiedlichem Alter einsetzt.

Folgen für Spieler und Verein – der Matthäus-Effekt

Der Relative Age Effect kann fatale Folgen nach sich ziehen. Werden relativ ältere Spieler nur aufgrund ihrer physischen Dominanz ausgewählt, besteht durchaus die Gefahr, dass kleinere, aber vermutlich talentiertere Fußballer nicht beachtet werden (Henseling, 2016). Ein Modell, das diesen Aspekt beschreibt ist der so genannte Matthäus-Effekt – benannt nach Kapitel 13, Vers 12 des Matthäusevangeliums. Dort heißt es: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Aus bereits beschriebenen Gründen werden relativ jüngere Spieler kaum selektioniert. Sie haben laut Romann et al. (2015) geringere Chancen auf spezielle Fördermaßnahmen (DFB-Auswahl, NLZ, etc.), bekommen von Trainern weniger positives Feedback und weniger Einsatzzeit, was wiederum die Leistung beeinflusst. Die Aufgabe des Sports oder der Wechsel in einen unterklassigen Verein (Dropout) kann im schlimmsten Fall die Folge sein. Bei relativ älteren Spielern ergibt sich das gegensätzliche Bild. Wegen der durch Entwicklungsvorsprung gegebenen besseren fußballerischen Gesamtleistung werden sie eher als Talent eingestuft, erhalten dadurch Fördermaßnahmen, Lob von Trainer, Familie und Mitspielern. Mehr anstatt weniger Motivation ist hier die Folge. Das Geburtsdatum kann bei der Talentselektion also als „Stolperstein“ auftreten, wie Abbildung 1 [Auswirkungen des Relative Age Effects (Romann & Fuchslocher, 2015)] veranschaulicht.

Eine Folge des Matthäus-Effekts wäre demnach eine zusätzliche Verstärkung des Relative Age Effects. Lames et al. (2008, S. 8) nennen diese Problematik, dass gering Talentierte gefördert werden und manchen hoch Talentierten diese Förderung versagt bleibt, einen „doppelten Auswahlfehler“. Nimmt man an, Talent sei gleichmäßig auf ein Jahr verteilt, wird der Talentpool effektiv ausgeschöpft, wenn ein Talentfördersystem nicht vom Relative Age Effect betroffen ist – das System ist also effektiver, wenn es darum geht die Spieler in den eigenen Reihen zu haben, die Höchstleistung im Höchstleistungsalter bringen können. Der Relative Age Effect kann also als Kennzahl für uneffektive Selektion herangezogen werden. Interessanterweise zeigten sich bei der Analyse der drei deutschen U-17 Bundesligen signifikante Zusammenhänge zwischen dem Relative Age Effect und dem Erfolg, gemessen durch den Rang in der Tabelle (Augste & Lames, 2011). Umgekehrt ist scheinbar der RAE ein Gütekriterium dafür, die aktuell erfolgreichsten Spieler zu selektieren.

Lames et al. (2008) nennt den Relative Age Effect eine „Hausaufgabe für den Sport“. Wie man mit dieser Hausaufgabe umgegangen wird und was man gegen den Relative Age Effect im Einzelnen unternehmen kann, erfahrt ihr in den nächsten Wochen.

Referenzen

Augste, C., Lames, M. (2011). The relative age effect and success in German elite U-17 soccer teams. Journal of Sports Science, 29 (9), 983–987. doi: 10.1080/02640414.2011.574719.

Bäumler, G. (1998). Der Relativalterseffekt bei Fußballspielern und seine Wechselwirkung mit dem Lebensalter. In G. Bäumler & G. Bauer (Hrsg.), Beiträge und Analysen zum Fußballsport IX (S. 109-115). Hamburg: Czwalina.

Henseling, Marco (2016). Wer zu spät kommt, den bestraft der Verband. Abgerufen von http://spielverlagerung.de/2016/03/31/wer-zu-spaet-kommt-den-bestraft-der- verband/

Lames, M., Augste, C., Dreckmann, C., Görsdorf, K., & Schimanski, M. (2008). Der “Relative Age Effect” (RAE): neue Hausaufgaben für den Sport. Leistungssport, 38 (6), 4-9.

Romann, M., & Fuchslocher, J. (2013). Relative age effects in Swiss junior soccer and their relationship with playing position. European journal of sport science, 13 (4), 356-363. doi: 10.1080/17461391.2011.635699.

Romann, M., Javet, M., & Fuchslocher, J. (2015). Relative Age Effect im Kinder-und Juniorenfussball. Magglingen: EHSM.

Votteler, Andreas; Höner, Oliver (2012). Auswirkungen des Relative Age Effects auf die motorische Leistungsfähigkeit von DFB-Stützpunktspielern. In C. T. Jansen, C. Baumgart, M. W. Hoppe & J. Freiwald (Hrsg.), Beiträge und Analysen zum Fußballsport XVIII (S. 225-231). Hamburg: Czwalina.

By |2018-11-28T12:59:37+00:00November 16th, 2018|WISSENSTRANSFER|0 Comments

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