POSITIONEN WECHSELN ODER NICHT?

POSITIONSTRAINING: SOLLTEN SPIELER IMMER AUF DERSELBEN POSITION EINGESETZT ODER HÄUFIGER DURCHGEWECHSELT WERDEN?

Eine Frage, die sich viele Trainer und auch Eltern stellen. Wir beantworten die Frage des Positionswechsel aus Sicht der Entwicklungsperspektiven für die betreffenden Spieler.

Voraussetzung für die Beantwortung dieser Frage ist das Verständnis über die Wahrnehmungsfähigkeiten der Kinder- und Jugendlichen in verschiedenen Entwicklungsstufen. Dort wo ein Kind vermeintlich mit Scheuklappen durch die Welt läuft, achtet ein Erwachsener nicht nur auf sich, sondern auch auf die ihm Anvertrauten. Ein häufig genannter Grund für das Bespielen verschiedener Spielpositionen liegt in den unterschiedlichen Anforderungsprofilen der einzelnen Spielpositionen. Spieler sollen verschiedene Positionen und damit einhergehend unterschiedliche Situationen erleben.

Wir teilen eine solche Einschätzung und Auffassung. Nicht wenige Spieler haben lange Zeit auf bestimmten Positionen gespielt, nur um dann später auf gänzlich anderen extreme Entwicklungsschritte zu vollziehen. Ein Positionswechsel fand also statt.

Ein prominentes Beispiel stellt an dieser Stelle Niklas Süle dar. In der Saison 2009/10 lief er für den SV Darmstadt 98 als Stürmer auf, ehe er später in der Hoffenheimer U17 und U19 auf den Innenverteidiger Positionen zu finden war. Auch seinen Schritt in den Profifußball bei der TSG 1899 Hoffenheim, in die Nationalmannschaft und später zum FC Bayern München machte der 1,95 Hüne auf den zentralen Positionen der Abwehrkette. Und das obwohl er in vermeintlich wichtigen Jahren seiner Entwicklung auf einer gänzlich anderen Position Erfahrung gesammelt hat. Damit stellt sich für uns vor allem die Frage, wie wichtig ständige Wechsel der Positionen tatsächlich sind und ob die individuelle Qualität eines Spielers nicht für eine entsprechende Entwicklung sorgt, ungeachtet der “Variable” Position.

WAS IST DEMNACH EINE GRUNDVORAUSSETZUNG FÜR DAS BEHERRSCHEN VON UNTERSCHIEDLICHEN POSITIONEN?

Bleiben wir bei der ersten Komponente in der “Wahrnehmung – gedankliche Lösung – motorische Lösung”-Kette.

Wie wichtig ist die Wahrnehmungsfähigkeit im Fußballspiel allgemein? Vermutlich stellt sie die relevanteste Komponente für sämtliche Spielsportarten dar. Nehme ich nichts wahr, kann ich mir auch keine angepasste gedankliche und motorische Lösung ableiten. Dementsprechend ist die Fähigkeit der unterschiedlichen Anforderungen des Spiels eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Meisterung.

WIE DEFINIERT SICH WAHRNEHMUNG?

“Wahrnehmung beschreibt alle Prozesse, sowie das Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Sinneseinflüssen (Reizen) aus der Umwelt und dem Körperinneren“ (Hermann, Hobmair; 1997)1

Somit stellt sich auch in der Wissenschaft eine holistische Fähigkeit einer großen Sammlung an Fähigkeiten dar.

Speziell für den Fußball gesprochen geht es also um das Erkennen von Situationen und der angemessenen Handlungsauswahl.

WIE IST DER FORSCHUNGSSTAND IN DIESEM BEREICH?

Schwarzer und Degé2 beschrieben die Wichtigkeit und Forschungsentwicklung 2014 folgendermaßen:

“Die Wahrnehmung stellt für uns von Beginn an das Portal für Informationen aus der Außenwelt und für Informationen über uns selbst dar. Ist ein neugeborenes Kind wach, so scheint schon für ein so junges Baby die Umwelt präsent sowie die eigene innere Befindlichkeit spürbar zu sein. Über viele Jahrzehnte wurde gerätselt, was ein Baby wohl sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken kann und wie es schließlich zu der Wahrnehmung kommt, die unsere Wahrnehmung als Erwachsene kennzeichnet. Erst mit zunehmendem methodischen Fortschritt konnte die Entwicklung der Wahrnehmung, insbesondere ihr ontogenetischer Ursprung, immer besser verstanden werden.”

GEDANKLICHE UND MOTORISCHELÖSUNGEN?

Um adäquat reagieren zu können, benötigen Spieler einen breiten Fundus an Lösungen. Viele unterschiedliche Erfahrungen werden mit den akuten Situation verglichen und mögliche Handlungsoptionen werden dadurch entwickelt. Ist ein Spieler besonders kreativ, hat er besonder viele Lösungen zur Hand, ist er nun auch noch spielintelligent, wählt er davon auch noch die aus, die eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit auf Erfolg aufweist. Dieser Prozess ist jedoch in den seltensten Fällen ein bewusster. Viel zu kurz sind die Zeitspannen in denen eine Entscheidung zu treffen ist. Der Spieler muss somit einen großen Erfahrungsschatz besitzen, aus dem er schöpfen kann.

Es gibt eine Situation nie zwei mal. Sie sind immer ein Unikat und müssen unter ihren speziellen Bedingungen zielführend gelöst werden.

Ein Modell zur Entwicklung von solchen entscheidungsfreudigen Spielern bietet die Heidelberger Ballschule. Sie zeigen für Kinder im Kindergartenalter die Bereiche “Motorische Basiskompetenzen”, “Technisch-Taktische Basiskompetenzen” und “Koordinative Basiskompetenzen” auf (http://ballschule.de/ueber-uns/das-konzept/). Für die Kids im Grundschulalter gelten angepasste Inhalte.


Quelle: http://ballschule.de/ueber-uns/das-konzept/ (Zugriff am 22.02.2018)

Fazit: Spielpositionen wechseln oder nicht? Und ab wann?

Wir sind große Freunde des differentiellen Lernansatzes. Nicht einschleifen, sondern verändern. Das Spiel als solches verlangt hoch flexible Spieler du unter ständig wechselnden Bedingungen gute Leistungen abrufen sollen. Dies funktioniert allerdings nur dann, wenn das Training einen entsprechenden Ansatz zur Vermittlung gewährleistet. Dieselben Abläufe in die Köpfe zu hämmern, macht alle Spieler zu unkreativen “Fachidioten”. Im Spiel passieren unvorhersehbare Dinge. Also braucht man Spieler, die solche Situationen meistern können. Nicht ohne Grund sind kreative und spielwitzige Spieler die teuersten auf dem Transfermarkt im Profifußball. Es handelt sich um eine rar gesäte Fähigkeit.

Diese bereits in jungen Jahren zu fördern sollte ein Credo für sämtliche Trainer im Jugendbereich darstellen. Die Leitplanken eines strukturierten Trainings sind so zu legen, dass in einem geschützten Rahmen wertvolle und mal mehr und mal weniger zielgerichtete Lernerfahrungen gesammelt werden können.

Dementsprechend bleibt festzuhalten, dass ein Wechsel von Positionen die Spieler in ständig neue Situationen bringt -> dadurch lernen und wachsen sie.

Feste Positionszuteilungen sind im Grundlagen- und frühen Aufbaubereich nicht zu empfehlen. Das Spiel auf unterschiedlichen Positionen erfordert schlussendlich einen Großteil an ähnlichen Prinzipien die auf neuronaler, kognitiver und motorischer Ebene ablaufen (siehe Konzept HD-Ballschule). Anb einem späteren Alter (Empfehlung Wissenschaft: ca. U14/U15 Alter) gilt es dann gewisse positionsspezifsche Abläufe zu perfektionieren und “wettkampfstabil” auszubilden. In der Sportwissenschaft ist von einer “virtuosen Beherrschung” unter maximalen Druckbedingungen die Rede.

“Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Leuchten entzündet werden.”

Geben wir ihnen also diese Möglichkeit – auf verschiedenen Positionen!

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Quellen:

1 Hermann, Hobmair; Psychologie; Köln 1997; S.83

2 Schwarzer G., Degé F. (2014) Theorien der Wahrnehmungsentwicklung. In: Ahnert L. (eds) Theorien in der Entwicklungspsychologie. Springer VS, Berlin, Heidelberg.

Konzept Heidelberger Ballschule: http://ballschule.de/ueber-uns/das-konzept/

By |2018-02-27T11:20:51+00:00Februar 22nd, 2018|WISSENSTRANSFER|1 Comment

One Comment

  1. […] sind dann die traurige Realität. Um jedoch kreative Leistungen erbringen zu können, benötigt es Freiräume zum ausprobieren – am einfachsten in Spielformen die ohne viele Regeln und vor allem ohne ein Intervenieren […]

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