LERNEN IM NACHWUCHSFUSSBALL TEIL 2

“Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler”

Ein Zitat, dass in den letzten Jahren bei den “Kinderfußball Workshops” der TSG 1899 Hoffenheim eine Art Dauerbrenner darstellt. NLZ Leiter Dominik Drobisch setzt damit den inhaltlichen Grundstein, wenn es darum geht, das Training für die Kinder und Jugendlichen zu gestalten.
Wir sollten nicht unsere erwachsenen Vorstellungen von einem “guten” Fußballtraining umsetzen, sondern uns stärker an der Zielgruppe orientieren. Wie alt sind die Spieler? Welche Eigenschaften bringen sie dadurch mit und wie muss ich dementsprechend als Trainer sein? Und zu guter letzt: Wie muss ich mein Training schlussendlich gestalten?

Von den Spielern aus denken

Startpunkt sind also die Spieler, mit ihren speziellen Eigenschaften und Bedürfnissen. Habe ich diese Herangehensweise als Trainer verinnerlicht, spare ich mir einige Nerven und Mühe in der Trainingsplanung wie auch -durchführung. Ich höre mit diesem Ansatz automatisch auf, gegen gebene Voraussetzungen zu arbeiten. Das kommt natürlich auch den Kindern und Jugendlichen zugute!

Kinder kommen aus einem strukturierten Umfeld. Der typische Ablauf ist aufstehen, frühstücken (“Beeil dich”), Schule (“Sei ruhig und mach was ich dir sage”), Rückkehr nach Hause (“Mach deine Hausaufgaben”), mit etwas Glück hier nun ein wenig Freizeit, dann Training. Wenn dort der erste Satz des Trainers ist “Bälle fest und hört zu”, dann ist das kein geeigneter Beginn.
Wir haben das Thema in unserem Beitrag zu den “goldenen Regeln” im Kinderfußball ebenfalls dargestellt:

 

Die oft erwähnte “Tummelphase” sollte immer gegeben sein. Wer aufs Tor schießen will, schießt aufs Tor. Wer über Fortnite reden möchte, redet über Fortnite. Die Kinder einfach mal Kinder sein lassen.

Emotionen bestimmen maßgeblich den Lernerfolg!

Die Freude am Fußball bewegt die Kinder in den Verein. Das ist das eine. Doch dass durch den emotionalen Zustand der Kinder auch die Lernrate verbessert werden kann, sollte man nicht vernachlässigen. Auch das ist ein weiterer Grund dafür, warum die Inhalte an den Spielern orientiert sein sollten. Macht das Training keinen Spaß, wird auch das Erlernen von wichtigen Inhalten schwieriger.

Aktivitätsbezogene Emotionen können dabei in Valenz (positiv oder negativ) und Aktivierung (aktivierend oder deaktivierend) unterteilt werden:

Die Ergebnisse einer 2004 veröffentlichten Studie zeigen auf, dass der Wissenszuwachs beim Erlernen von Inhalten zu 27% durch das emotionale Erleben während des Lernens vorhergesagt werden kann.

Wollen wir uns diese lernrelevanten Eigenschaften also zunutze machen, sollten wir ein entsprechendes förderliches emotionales Erleben ermöglichen. Kinder die Angst vor Fehlern haben oder überfordert sind, werden weniger Lerninhalte aufnehmen. Schaffen wir es ihre Neugier zu wecken, erleichtert dass ihnen das Aufnehmen der Inhalte.

Trainingsaufbau

Müssten wir einen Trainingsablauf beschreiben, der wichtige Inhalte für eine E-Jugend abdeckt, würde es vermutlich so aussehen:
1. Tummelphase
2. Spielform/Wettkampf
3. Fangspiel
4. Eins-gegen-Eins
5. Gleichzahl-/ Unterzahl-/ Umschaltspiel
6. Spiele/Turnierform

Grundsätzlich würden wir für die einzelnen Bausteine daraus implizite Trainingsformen wählen (Thomas Tuchel über implizite Methodik). So müssen wir als Trainer weniger intervenieren und die Kids können sich auf das “Hier und Jetzt” konzentrieren.

Ein anschauliches Video aus unserer Reise nach China, dass beide Trainingsansätze nebeneinander zeigt, gibt’s noch dazu:

Die Tummelphase beginnt wie bereits beschrieben genau mit den Dingen, die jedes Kind instinktiv machen möchte auf dem Platz. Bolzen ausdrücklich erlaubt!

Nach dem “offiziellen” Beginn des Trainings, folgt immer ein Spiel bzw. ein Wettkampf. Das kann bereits ein Fußballspiel sein oder auch ein Kopfballrundlauf, Handball-Kopfball-Spiel, Chaosball etc. Hauptsache der initiative Bewegungsdrang der Kinder kann erstmal gestillt werden. Hier möchten wir nicht oder nur sehr wenig coachen (aus einem “gecoachten” Umfeld kommen die Kids bereits).

Das Fangspiel deckt spielerisch koordinative Elemente ab und verbessert die Bewegungsabläufe kindgerecht. Zudem sehen wir es gerne als “aktivierend” zum anschließenden Eins-gegen-Eins. Die Kinder rennen, jagen und habe viele Richtungswechsel – also all das, was auch in einem Eins-gegen-Eins wichtig ist.

In der Eins-gegen-Eins Form legen wir auf eine hohe Frequenz im Ablauf wert. Die Kids sollen häufig genug dran kommen, um die Erfahrungswerte aus vielen unterschiedlichen Eins-gegen-Eins Situationen zu erhalten. Man kann zur erfolgreichen Bewältigung eines Eins-gegen-Eins viel erklären, doch am besten man unterstützt nur ab und an punktuell und lässt die Kinder sonst viel ausprobieren (Video -> in der Mail mit den Bonusvideos findet ihr eine Eins-gegen-Eins Form mit dem entsprechenden Coaching). Das Eins-gegen-Eins stellt für uns einen elementaren Baustein in der Ausbildung der jungen Fußballer dar. So sollte es jedes Training zur Anwendung kommen und unterschiedliche Situationen für die Kinder bereit halten.

Auch Taktik gehört dazu. Aber bitte altersgerecht!

Der nächste Trainingsabschnitt soll weitere nötige Inhalte innehaben. Da der Fußball ein Mannschaftssport ist, sind auch die Zusammenspiele mit den Mitspielern wichtig. Kinder sind vom Kopf her nicht so weit wie Erwachsene – körperlich übrigens auch nicht. Die unterschiedlichen körperlichen Eigenschaften beachtet die “erwachsene” Umwelt eigentlich überall. Fahrräder, die an die Körpergröße angepasst sind. Stühle die in Grundschulen kleiner sind. Sogar in Restaurants und und Sportzentren sieht man Pissoirs, die niedriger hängen als alle anderen.
Dass Kinder von ihrem Kognitionsvermögen noch nicht so weit sind wir Erwachsene, vergessen wir dann jedoch regelmäßig. Dann gibts die mannschaftstaktische Lehrprobe aus der B-Lizenz eben in der E-Jugend, nur im Sieben-gegen-Sieben.

Kinder umreißen dieses hochkomplexe Spiel jedoch nicht ansatzweise. Sie machen manchmal die richtigen Dinge oder setzen Trainervorgaben um, jedoch begreifen sie es nicht. Das können sie auch nicht. So wie der Achtjährige auch noch kein Erwachsenenfahrrad fahren kann oder das Auto rückwärts einparken.
Demnach wählen wir für diesen Teil des Trainings Formen, die dem Entwicklungsstand angepasst sind. Bis maximal zum 3vs3 in unterschiedlichsten Variationen. So eben auch unser Zwei-gegen-Eins auf Zwei-gegen-Eins (Video). Dort sind die Kinder dieser Altersstufe in der Lage, die Überzahl klar zu erkennen und nötige Verhaltensweisen für eine erfolgreiche Meisterung der Situationen abzuleiten. Sind einige Kinder dazu nicht in der Lage, sind wir als Trainer gefragt und geben ihnen die nötigen Hilfestellungen, um besser klar zu kommen.

Zum “Abschluss” spielen wir gerne in kleinen Mannschaften Turnierformate oder auch Tschechenrollen. Wahlweise (abhängig von der Gesamtzahl an Spielern) kann man auch Felder mit Auf- und Abstieg wählen. Dabei sind die Felder dann auch mit unterschiedlichen Größen und Torpositionen/-anzahl versehen. Hier ist uns wichtig, nicht zu coachen. Wir haben die gesamten Trainingsminuten davor vermutlich schon mehr gecoacht als wir glauben – aber mit Sicherheit zu viel. Sich in den Abschlussspielen mal komplett raus zu nehmen und den Kids beim Kicken zuzuschauen hat fast schon einen meditativen Charakter – die Spieler werden es einem danken.

By |2019-02-22T17:48:27+00:00Februar 22nd, 2019|WISSENSTRANSFER|0 Comments

HINTERLASSE EINEN KOMMENATR