LERNEN IM NACHWUCHSFUSSBALL

Es herrschen die unterschiedlichsten Meinungen vor, wenn es um die Entwicklungsmöglichkeiten der jungen Fußballer geht. Spätestens durch Herrn Lochmann von der Uni Erlangen und seinen emotionsgeladenen Vorträgen (Beitrag beim BDFL) ist das Spielformat “Funino” ein echtes Hype-Thema. Von Horst Wein vor Jahrzehnten erdacht und bereits in zahlreichen Büchern und Vorträgen (Hier bei der TSG 1899 Hoffenheim schon im Jahre 2012) thematisiert, erfreut sich das Konzept nun neuer Beliebtheit.

VIELE PARALLELEN ZWISCHEN FUSSBALL UND SCHULE, ZUM LEIDWESEN DER KINDER

Kurzer Exkurs:

Nehmen wir die Schule als eine der ältesten Instanzen in der Wissensvermittlung. Dort müsste man ja wissen, wie es geht.

Wir empfehlen an dieser Stelle immer gerne die Vorträge und Artikel von Richard David Precht, der sich auf anschauliche Art und Weise Gedanken zu diesem Thema macht. Seine Aufforderung: “Wir brauchen eine Bildungsrevolution!” Die Kinder und Jugendlichen lernen nicht ihren Bedürfnissen entsprechend. Sie werden in Formen gepresst, in die sie nicht passen. Nach kürzester Zeit außerhalb des Bildungssystem ist 90% des “gelernten” Wissens nicht mehr aktiv verfügbar. Auch hier sagt Precht treffend: “‘Schon mal gehört’ ist nicht Wissen.”

Vera F. Birkenbihl (https://www.birkenbihl.com/) schießt in die selbe Richtung.

Sie zieht einen Vergleich aus dem Berufsleben: “Früher musste man Lehrgeld bezahlen, um den Meistern bei der Arbeit zuzuschauen. Heutzutage zahlen wir die Auszubildenden, damit sie den Dreck rausbringen.”

Birkenbihls Beispiel mit dem “Tanzen lernen”

“In den meisten Regionen der Erde tanzen mehr Männer als Frauen. In den arabischen, asiatischen und afrikanischen Ländern ist das häufig üblich – in Europa jedoch nicht. Weil das hier durch ein verschultes lernen meist versaut wird.

Was passiert also in den Tanz”schulen”? Die Männer erhalten die Anweisungen, wann sie ihr Gewicht wohin verlagern sollen und in welcher Höhe die Hände und welchem Winkel die Arme sein sollen. Und dann zählen sie sozusagen die einzelnen Schritte. Männer brauchen allerdings häufig linear-chronologische Anweisungen. Erst bis zum Schluss zuhören, dann mit der Handlung beginnen. Bei Frauen ist diese Chronologie nicht zwingend nötig. Die Frauen lernen dann häufig schneller, doch die Männer erhalten dann auch noch die verbale Anweisung “zu führen”. Also noch mehr explizite Anweisungen.

Gedankenspiel: Du bist im Urlaub in Griechenland und in der Kneipe um die Ecke wird der Sirtaki getanzt und du wirst aufgefordert, mitzutanzen. Dabei würde kein Grieche auf die Idee kommen, dir zu erklären wann du wohin dein Gewicht verlagerst. Also was macht man? Zuschauen, mitmachen, nachmachen! Dann kommt man wieder nach Deutschland und sagt sich: “Der Tanz macht Spaß”. Den durfte man schließlich auch “gehirngerecht” lernen.

Zuschauen – Mitmachen – Nachmachen. Die natürliche Lernkette”

Sollten wir also auch im Fußball “gehirngerechter” lernen dürfen? Vielleicht sogar durch einen Mix aus “Playstation” und Fußball: Video

PRECHT ZUM THEMA SCHULE – ODER DOCH ZUM FUSSBALL?

Richard David Precht zur Problembeschreibung im Schulsystem:

Ursache der strukturellen und organisatorischen Probleme:

Falls jemandem an dieser Stelle starke Parallelen zwischen Schulausbildung und Nachwuchsausbildung im Fußball auffallen, könnten das Zufälle sein. Vermutlich sind sie es nicht.

Quantität nicht mit Qualität verwechseln!

TRANSFER ZUM FUSSBALL

Wenn wir das alles also wissen und die Erkenntnisse aus Bereichen der Kinderpsychologie, Bewegungs- und Trainingswissenschaft wie auch Pädagogik und Didaktik haben, würde auch ein altersgerechtes Fußballtraining wie auch die gesamte Ausbildung vermutlich anders aussehen.

Sehr viele Vereine oder gar Verbände gestalten die Ausbildungskonzeptionen wie Lehrpläne. Dort werden für die Jahrgangsstufen Lernzielkataloge erstellt und Idealbilder formuliert. Die “Prüfung” erfolgt entsprechend in jedem Training nach der Willkür des Trainers. “Gut gemacht”, “Fußspitze hoch”, “Spiel schneller”, “Beeil dich”, “Nicht so”, “Hör doch mal auf”, “Flach schießen”, “Nicht so viel dribbeln”.

Hinzu kommt, dass dann in den jungen Jahrgängen die “Grundlagen” gelegt werden müssen – wie in der Schule. Wer bis dahin keinen “sauberen” Pass kann, wird es nie lernen oder zumindest sehr schwer haben. Also werden Trainingspläne über Wochen hinweg erstellt und in einer U10 nach Schwerpunkte periodisiert – wie in der Schule.
Ist ein Themenblock “abgeschlossen”, was auch immer das heißen mag, geht es über zum Nächsten. Die Inhalte müssten ja sitzen. Nach einer Klausur, Prüfung oder Klassenarbeit erinnern wir uns natürlich auch an alles, was wir davor gemacht haben. Also wieder: Wie in der Schule.

Dabei wollen die 9- und 10-Jährigen doch hauptsächlich kicken. Dafür gehen sie in den Fußballverein, dafür gehen sie ins Training. Wir Trainer quälen sie dann mit Inhalten, die sie nicht interessieren. Behaltensrate und Lernmotivation? Gleich Null.

Versetzen wir uns in die Lage eines Kindes, dass zum Fußballverein geht, um gemeinsam mit Freunden Fußball spielen zu können. Der Trainingsablauf ist dann jedes Mal der Gleiche: 75min um irgendwelchen Hütchen dribbeln, laufen und passen. Währenddessen fragt es, ob und wann denn gespielt wird. Antwort: “Wenn ihr gut mitmacht, machen wir ein Abschlussspiel” (Hier ist Vorsicht geboten: Korrumpierungseffekt!). Dann wird nochmal 10min gekickt und ab nach Hause.

Das wird man eine Zeit lang mitmachen – vielleicht. Bin den vielen Freizeitalternativen eines Kindes heutzutage, ist die Wahrscheinlichkeit aber nicht besonders hoch. Denn bei der Playstation haben die Kids bereits nach wenigen Sekunden ihren Spaß.

By |2019-02-02T15:12:17+00:00Februar 1st, 2019|Uncategorized|0 Comments

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