EINMAL CHINA UND ZURÜCK

Spannende Zeiten stehen Chinas Fußballentwicklung bevor. Man wünscht sich eigentlich einen Blick in die Glaskugel, um zu wissen, wo dieser Gigant in fünf bis zehn Jahren stehen wird.

Doch alles der Reihe nach.

Ankunft in Shanghai

Unser 14-tägiger Aufenthalt war aufgeteilt in sieben Tage Shanghai und sieben Tage Yixing, gelegen am Wuxi-See und etwa drei Stunden Autofahrt entfernt von Shanghai.
In Shanghai konnten wir bereits erste interessante Gespräche mit verschiedenen Akteuren im Fußball führen.
Unter anderem auch mit Vertretern der “Shanghai Krauts”, einem privaten Verein hauptsächlich bestehend aus Spielern, die ursprünglich aus Deutschland bzw. Österreich kommen. Sie spielen gegen andere Mannschaften in einer privat organisierten Liga, da es kein wirkliches Ligensystem und auch kein klassisches Vereinsleben gibt.

Darüber hinaus haben wir im Vorfeld unserer Reise Kontakt zu verschiedenen Vertretern der Shanghaier Profivereine aufgenommen. Es war für uns spannend von den Herausforderungen und Unterschieden zum europäischen Spitzenfußball zu hören – und auch zu sehen. Unsere Reisezeit fiel in die Vorbereitung der chinesischen “Super League” was zur Folge hatte, dass wir zu echten Zuschauern wurden. Objekt unserer Beobachtung war ein Spiel zwischen dem Verein aus Shanghai, wie auch einem Zweitligisten aus Korea.

Die Unterschiede waren enorm. Selbst innerhalb der chinesischen Truppe war das Leistungsgefälle durch die europäischen und südamerikanischen Profis riesig. Doch auch der südkoreanische Zweitligist hatte einiges entgegen zu setzen. Gute technische Fertigkeiten mit einer – im Vergleich zu den Chinesen – gut ausgeprägten Spielidee sorgten für eine spannende Partie.

Abseits der chinesischen Profivereine drängen jedoch auch immer mehr europäische Topclubs auf den chinesischen Markt. Einer davon: der FC Bayern München. Ein Besuch des Büros vom deutschen Rekordmeister in Pudong, dem Technologieviertel Shanghais, zeigte uns die Ambitionen. Partnerschaften auf wirtschaftlicher, politischer wie auch sportlicher Ebene sind die Ziele vieler Vereine, die versuchen in China Fuß zu fassen.
Jedoch stoßen sie immer wieder an ihre Grenzen wenn es darum geht in dieser fremden Kultur nachhaltige Ergebnisse zu erzielen.

Warum eigentlich nach China?

Der Grund für unsere Reise war eine Anfrage der chinesischen Gemeinde Yixing. Sie wollten eine umfassende Ausbildungswoche für die Sportlehrer ihrer ortsansässigen Schulen. Denn Fußball ist in China mittlerweile ein Schulfach. Jedes chinesische Kind, egal ob Junge oder Mädchen, wird im Rahmen des Sportunterrichts an der Schule mit Fußball konfrontiert.
Dadurch ergeben sich gewisse Herausforderungen für ein Land und eine Sportkultur, die in bestimmten Bereichen zwar Weltspitze ist, es sich dabei allerdings oft um Individualsportarten, weniger um Mannschaftssporten handelt. Zwischen diesen beiden Arten gibt es elementare Unterschiede in der Herangehensweise und Vermittlung der sportartspezifischen Anforderungen.

Fußball ist in China vielerorts nie ein wirkliches Thema gewesen. Selbst zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft hatten wir einige Meter zurückzulegen um Geschäfte zu finden, welche die Spiele übertrugen.
Diese Tatsache sorgt natürlich auf der Spielerseite dafür, dass kaum Grundlagen vorhanden sind für ein erfolgreiches Fußballspielen. Viel schlimmer jedoch: auch die Lehrer, an den meisten Orten demnach die Trainer, kennen sich nicht aus.

An dieser Stelle kommen wir ins Spiel. Über eine Partnerstadt in Deutschland landete eine Anfrage zur “Trainer”qualifizierung bei bei uns.
Kurze Zeit später fanden wir uns in der 1 Mio. Einwohner umfassenden “Kleinstadt” Yixing wieder. An einem pompösen Schulgebäude und -gelände der “International School” fanden die Schulungsmaßnahmen statt. Im Hinterhof der Schule: ein Kunstrasenplatz.
Funfact: Yixing gilt als eine der saubersten Städte ganz Chinas!

Eine über die Woche steigende Teilnehmerzahl (beginnend bei etwa. 40) übererfüllte unsere Erwartungen, da zum Zeitpunkt unseres Besuchs Sommerferien in China waren. Die Lehrer waren demnach “freiwillig” bei der Ausbildungswoche dabei. Die Schüler wurden wohl mehr oder weniger dazu verdonnert, da sie auf dem Schulgelände leben und das Schulteam bildeten. Die Übungsgruppen wechselten in den Jahrgängen über die Tage hinweg. Von der U11 bis zur U15 fanden sich Spieler in unserem Training.

Die Inhalte

Ziel war es, ein grundsätzliches Verständnis über das Fußballtraining zu vermitteln. Den grundlegenden Fußballregeln war jeder der Beteiligten mächtig, so dass kein Fußball-Grundkurs stattfinden musste.

Zu Beginn zeigten wir den interessierten Traineranwärtern die wichtigsten Überlegungen, wenn es um die Gestaltung einer Trainingseinheit im Jugendfußball geht.

Die Trainingseinheiten gestalteten sich nach unserem Grundsatz “Spaß und Dynamik”. Besonders den ersten Teil begutachteten die chinesischen Neu-Übungsleiter äußerst kritisch. Dafür muss man verstehen, dass auch im Schulsystem enormer Druck herrscht. Die Schule ist für die Eltern und Kinder der wichtigste Bestandteil des Erwachsenwerdens. Einige Eltern erklärten uns, dass durch die Ein-Kind-Politik das Verlangen groß ist, aus dem einzigen Kind auch etwas tolles zu machen. So wird schon sehr früh einiges dafür aufgegeben, um später an den Top-Universitäten des Landes angenommen zu werden.

Eine solche Fokussierung äußert sich entsprechend auch im Bewegungsbild der Kids. Es findet kaum “freie” Bewegung statt. Alle Sportangebote sind institutionalisiert und organisiert. Dort kickt niemand auf der Straße.
Auf die Frage an die Kinder, was sie denn in den Ferien so vorhaben, war die Antwort “Hausaufgaben”. 4-6 Stunden Hausaufgabenstoff für jeden Tag der Sommerferien haben die Kinder mit nach Hause bekommen.

Man merkt also, “Spaß und Dynamik als Katalysator für Entwicklung” ist nicht. Unsere Übungen und Trainingsformen sind jedoch genau darauf ausgelegt. Und siehe da: auch chinesische Kinder freuen sich über einen Kopfballrundlauf oder verschiedene Fang- und Eins-gegen-Eins-Spiele.

Fünf Tage lang war Mindsetarbeit angesagt. Den Lehrern klar machen, dass die angebotenen Inhalte in erster Linie motivierend sein sollen. Denn nur dann werden die Kinder auch in ihrer kargen Freizeit einen Fußball auf die Straße oder den Multicourt mitnehmen. Es wird sich kein Weltklassefußballer ausbilden lassen, wenn er nur dreimal die Woche für 45 Minuten im Sportunterricht gegen den Ball tritt.

Nach einigen Stunden die wir gemeinsam mit den Trainern verbracht haben, wurden wir vom Leiter einer neu gegründeten Fußballschule zum zweiten Fußballtraining einer jungen Trainingsgruppe eingeladen. Wir sollten zeigen, dass unsere Ansätze nicht nur mit den “guten” Auswahlmannschaften der Schule funktionieren, sondern auch mit Kindern, die noch keine Fußballvergangenheit haben. Es wurde nämlich angenommen, dass die implizite Vermittlung von Techniken nicht geht, wenn noch keine Grundlage geschaffen wurde. Im folgenden Video sieht man eine Gegenüberstellung der verschiedenen Ansätze, da auf der anderen Platzhälfte ein Training einer älteren Mannschaft mit ihren chinesischen Trainern ablief.

Ein fehlender “Spieltrieb” ist entsprechend auch im Training zu erkennen. Die Spieler sind in den Spielformen sehr vorsichtig und lassen eine gewisse “Geilheit” auf den Ball vermissen. Die Spiele plätschern ein wenig vor sich her. Fehlende Dynamik dann mit einer relativ schwachen Technik verbunden, sorgt für ein noch schlechteres Bild der Gesamtsituation. Schlechte technische Ausführungen, obwohl großteils isoliertes Techniktraining durchgeführt wird. Es ist entsprechend davon auszugehen, dass die Spieler die Techniken suboptimal vermittelt bekommen und dann auch noch wenig in spielnahen Situationen anwenden dürfen.

Hinsichtlich der Spielanlage der Jungs waren wir über die Entwicklung äußert erstaunt. Was zu Beginn der Woche noch ein zögerliches Zurückweichen war, hat sich gegen Ende zu einem intensiven Eins-gegen-Eins Duell entwickelt. Die zahlreichen Spielformen haben also die gewünschten Effekte erzielt.

Positiv war jedoch nicht nur die Entwicklungen der Kids über die Tage, sondern auch ihre bereits vorhandene Einstellung zum Training. Ordnung und Disziplin sowie Respekt vor Erwachsenen waren stark ausgeprägt.

Selbst eine ordentliche Verabschiedung gehört zum Standardprogramm bei den jungen chinesischen Fußballern.

Für uns steht nach den 14 Tagen China fest: Wir kommen wieder! Die Kontakte zum Sport- und Bildungsamt, sowie den Fußball- und regulären Schulen der Stadt Yixing sind geknüpft. Wir waren begeistert von der Gastfreundschaft und prognostizieren: China wird in naher Zukunft eine wichtige sportliche Rolle im internationalen Fußball einnehmen.

By |2018-11-09T15:32:02+00:00November 9th, 2018|TRAININGSZEIT|0 Comments

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