DAS DIFFERENZIERTE MODELL VON TALENT UND BEGABUNG (DMGT)

Einleitende Worte

In Fußballvereinen sieht man nicht selten Spieler, die kaum mehr als ihre natürlichen fußballerischen Begabungen in das Spiel und Training investieren. Viele davon sind für strukturiertes Training wenig intrinsisch motiviert. Sie brauchen und wollen kaum Hilfestellungen von Trainern und Mitspielern und investieren neben bloßer Anwesenheit im Training wenig. Das sind Spieler, die auf ihren fußballerischen Begabungen „surfen“. Ihre „wahren“ Interessen liegen meist woanders: Freunde, Fortnite, oder das “einfache kicken”.
Andererseits gibt es immer wieder Spieler, die kaum überdurchschnittliche fußballerische Begabungen aufweisen, jedoch aufgrund ihres Engagements und Einsatzes unzähliger Trainingsstunden sehr viel erreichen. Sie schaffen es ebenfalls überdurchschnittliche Leistungen zu erzielen.

Das Differenzierte Modell von Talent und Begabung (DMGT) von Françoys Gagné beschreibt den komplexen Ablauf der Talentwerdung (= der Prozess bzw. die Ausbildung von Talent nach vorheriger Begabung). Darüber hinaus zeigt es, wie einzigartig und individuell Talentwerdung für jeden einzeln ist.

Einschätzung des DMGT

Vorab sei klar gestellt, auch das DMGT schafft es nicht in Gänze alle Aspekte der Talentwerdung/-entwicklung abzudecken. Auch hier gibt es Schwächen in der Praxis und nicht vollumfängliche Erklärungen und Beschreibungen. Es verdeutlicht aber auf sehr klare Weise wie sehr der Prozess von einzelnen Elementen (hier Bausteinen) abhängig ist. Es zeigt auf wie einzelne Bausteine miteinander in Verbindung stehen und entsprechend bei jedem Spieler unterschiedlich ins Gewicht fallen.

Das Grundprinzip des DMGT

Häufig wird überdurchschnittliche Begabung und Talent in der Wissenschaft und Volksmund gleichgesetzt. Um das zu Umgehen wurden die Begriffe für das DMGT neu definiert:

“ÜBERDURCHSCHNITTLICHE  BEGABUNG bezeichnet den Besitz und die Anwendung von außerordentlichen, natürlichen Anlagen in mindestens einem Fähigkeitsbereich, und zwar in einem Ausmaß, dass das Individuum mindestens zu den obersten 10 % seiner Altersgruppe zu rechnen ist.”

“TALENT kennzeichnet die herausragende Beherrschung von systematisch entwickelten Fähigkeiten, sogenannten Kompetenzen (Wissen und Können), auf mindestens einem Gebiet menschlicher Tätigkeit, und zwar in einem Ausmaß, dass das Individuum mindestens zu den obersten 10 % der in diesem Bereich Tätigen oder tätig Gewesenen in seiner Altersgruppe zu rechnen ist.”

Folgende drei Gemeinsamkeiten der Definitionen sind auffallend 
a) sie beziehen sich beide auf Fähigkeiten des Menschen;
b) sie beziehen sich auf Personen, die sich vom Durchschnitt unterscheiden und
c) beide Personengruppen sind wegen herausragender Verhaltensweisen „nicht normal“.

Der Talententwicklungsprozess ist daher die Umsetzung von überdurchschnittlicher Begabung hin zum Talent. Neben diesen drei Elementen gibt es noch zwei weitere, die intrapersonale und Umwelt-Katalysatoren. Das DMGT und die Talententwicklung vervollständigen.

Die fünf Bausteine des DMGT

1. Überdurchschnittliche Begabungen
Mentale Fähigkeiten:

  • Intellekt (logisches Denken, allgemeine Intelligent etc.)
  • Kreativität (Einfallsreichtum, Phantasie, Originalität etc.)
  • Soziale Fähigkeiten (Taktgefühl, Überzeugungskraft etc.)
  • Wahrnehmung (Sehen, Hören, Schmecken, etc.)

Physische Fähigkeiten:

  • Muskuläre Voraussetzungen (Kraft, Ausdauer, etc.)
  • Motorischer Steuerung (Geschwindigkeit, Beweglichkeit, Koordination, etc.)

Diese natürlichen Fähigkeiten können wir bei Kindern in den meisten ihrer tagtäglichen Aktivitäten und im Training beobachten. Dabei ist zu beachten das natürliche Fähigkeiten nicht angeboren sind. Sie entwickeln sich über das ganze Leben hinweg. Dabei stellen die jungen Jahre eine besonders sensible Phase dar.
Überdurchschnittliche Begabungen drücken sich leichter und deutlicher in kleinen Kindern/Spielern aus, da strukturierte Lerngelegenheiten erst begrenzt Einfluss auf die Umwandlung in z.B. sportartspezifische Talente nehmen konnten.
Aber auch nach der Pubertät und bei Erwachsenen sind sie noch zu beobachten. Meist zeigt sich das dann in einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit mit der neues Wissen und Fertigkeiten erworben werden. Je leichter oder schneller der Lernprozess abläuft, desto eher wird die Wirkung von grundsätzlicher hohen natürlichen Anlagen angenommen.

2. Talente
Der Baustein Talent umfasst in Summe neun Teilbausteine:
Die sechs Persönlichkeitstypen welche wiederum zu 26 spezifischen Berufsgruppen führen und dem RIASEC-Modell entnommen wurden sind für den Fußball bzw. Sportbereich nicht ganz so relevant und werden deshalb im Rahmen dieses Beitrags nicht weiter beschrieben.
Relevanter sind viel mehr die Bausteine Akademie, Spiel und Sport. Die meisten Talente sind mit Hilfe von Leistungsnachweisen einfach zu bewerten. Prüfungen und standardisierte Tests decken alle schulischen Inhalte ab. Auch hervorragende Leistungen im Sport sind in den meisten Sportarten messbar oder klar ersichtlich.
Anmerkung: Gerade komplexe Spielsportarten wie Fußball oder Basketball lassen sich nicht in Gänze mit klaren Leistungsanalysen abdecken. Zu komplex und unterschiedlich sind die einzelnen Anforderungsprofile.

3. Talententwicklungsprozesse
Talententwicklung wird im DMGT definiert als das systematische Streben von „Talentierten, in einem strukturierten Tätigkeitsprogramm, über eine gewisse Zeit und auf ein bestimmtes hohes Leistungsziel hin”.
Talententwicklungsprozesse beinhaltet drei Teilbausteine:

  • Aktivitäten
    Der Talententwicklungsprozess beginnt, wenn ein Kind oder Erwachsener durch Identifikation oder Selektion Zugang zu einem systematischen, talentorientierten Programm von Aktivitäten erhält (z.B. ein NLZ). Diese Aktivitäten umfassen einen bestimmten Inhalt, den Lehrplan, der in einem spezifischen Trainingsumfeld angeboten wird.
  • Aufwand
    Der Teilbaustein Aufwand beschreibt welcher Bezug zu Zeit, Geld und psychische Energie besteht. Wobei diese im Laufe der Zeit schwanken.
  • Fortschritt
    Das Tempo, mit dem ein Talentierter Fortschritte – in Relation zu seinem Umfeld – in Richtung auf das angestrebte Ziel macht, ist als Entwicklungsgeschwindigkeit messbar. Die langfristige Entwicklung eines Talentierten wird durch eine Reihe von mehr oder weniger kritischen Lebenserfahrungen oder Ereignissen geprägt (z.B. von einem Coach erkannt zu werden, Verletzungen).


4. Die intrapersonalen und Umwelt-Katalysatoren
In der Chemie ermöglichen und beschleunigen Katalysatoren chemische Prozesse. Auch im DMGT spielen sie eine nicht unerhebliche Rolle. Häufig sind es diese Katalysatoren die zur richtigen Zeit am richtigen Ort die Entwicklung von Spielern (un-)erwartet voran bringen. Intrapersonale Katalysatoren sind im DMGT folgende:

  • Physische Merkmale (z.B. Gesundheit)
  • Mentale Merkmale (Temperament, Resilienz)
  • Bewusstsein (sich seinen Stärken und Schwächen klar sein)
  • Motivation (Der Begriff „Motivation“ bezieht sich sowohl darauf, was uns motiviert, als auch wie motiviert wir sind)
  • Willenskraft trotz Widrigkeiten, Langweile und gelegentlichen Misserfolgen intensiv zu üben.

Umwelt-Katalysatoren:

  • Milieu (geographische , soziale, kulturelle wie auch sozioökonomische Gegebenheiten)
  • Personen (Einfluss von relevanten Personen aus dem direkten Umfeld)
  • Förderungen (begabungsfördernden Maßnahmen und Programmen)

5. Faktor Zufall
Nicht nur im Profifußball spielt der Zufall eine nicht zu vernachlässigende Rolle. (https://detektor.fm/wissen/zufall-im-profifussball)
Auch bei der sportlichen Entwicklung auf dem Weg zum Profi- bzw. Herrenfußballspieler spielt der Zufall eine Rolle. Bestimmt jeder kann sich an Situationen auf oder neben dem Platz erinnern in welchen dieser eine Rolle gespielt hat.

Häufigkeit und Ausmaß von Begabungen und Talenten

Wie viele Personen sind begabt und/oder talentiert? Auf die Frage nach dem „wie viele?“ gibt es keine verbindliche Antwort. Nirgends findet sich eine magische Zahl, die automatisch die Begabten oder Talentierten vom Rest der Bevölkerung trennt. Zwar wagt das DMGT eine ungefähre Angabe, ist sich dieser Ungenauigkeit aber gleichzeitig auch bewusst.

Grundlegende Regeln des DMGT

Im DMGT sind natürliche Fähigkeiten als Rohmaterial oder als Basisbausteine für Talente anzusehen. Das setzt dem Auftreten von Talenten das Vorhandensein von deutlich überdurchschnittlichen Begabungen voraus. In den meisten Fällen kann jemand nicht talentiert werden, ohne vorher bereits begabt oder nahe an der Schwelle zur Begabung zu sein. Umgekehrt ist es jedoch möglich dass hohe natürliche Fähigkeiten bloße Begabungen bleiben und nicht zu Talenten umgesetzt werden.

Weiter besteht eine Verbindung zwischen spezifischen Begabungen und Talenten. Auf Grund des Status als „Rohmaterial“ können Begabungen im Sinne von allgemeinen Fähigkeiten, in Abhängigkeit vom späteren Tätigkeitsfeld des Talentierten, zu recht unterschiedlichen Fertigkeiten weiterentwickelt werden. Z.B. können sich die analytische Denkfähigkeit und hohe soziale Fähigkeiten, zur Spielanalyse oder zur strategischen Trainingsplanung eines Fußballtrainers entwickeln.

In den meisten Situationen der Talententwicklung tragen die vier Bausteine (Begabung, Entwicklungsprozess, Umwelt- und intrapersonale Katalysatoren) positiv zur Entwicklung von Talenten bei. Diese Beiträge können in Intensität und Kontinuität von einem Fallbeispiel zum anderen variieren. Keine zwei Fälle sind gleich. Aus diesem Grund ist die Talententwicklung ein sehr komplexer Prozess, in dem die vier ursächlichen Bausteine ihre Interaktion während eines Talententwicklungsprozesses verändern.

WEITERE INFORMATIONEN ZUM DIFFERENZIERTEN MODELL VON TALENT UND BEGABUNG

Abb. 1: Das DMGT Modell 2.0 von Françoys Gagné

https://www.researchgate.net/publication/322220851_Gagne’s_differentiated_model_of_giftedness_and_talent_in_australian_education

https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/016235329902200209

By |2019-02-08T07:18:08+00:00Februar 8th, 2019|WISSENSTRANSFER|0 Comments

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