BLOG

DER RELATIVE AGE EFFECT – VERMEIDUNGSSTRATEGIEN

Der Relative Age Effect und der FC Barcelona

Die Jugendakademie des FC Barcelona La Masia ist weltweit bekannt für die Entwicklung junger Fußballtalente.  Entscheidenden Einfluss auf Barças Nachwuchsarbeit hatte der Niederländer Johan Cruyff, der La Masia nach seinem Amtsantritt 1988 modernisierte. Die Cantera, wie die Nachwuchsabteilung in Spanien genannt wird, entwickelte sich unter Cruyffs Führung zu einem wichtigen Baustein des Erfolgs.  Johan Cruyffs Sohn Jordi fasst die charakteristische Philosophie folgendermaßen zusammen: „Der Grundgedanke bei der Spielerausbildung in Barcelona ist anders als fast überall sonst. In Barcelona spielt es keine Rolle, wie schnell, wie groß, wie stark ein Junge ist. Es zählt nur eins: Wie gut ist er mit dem Ball?“ (Reng, 2006, o.S.).  Diese Philosophie forderte ein Umdenken bei den Jugendtrainern und gibt dem relative age effect vermeintlich keine Chance.

Gewinnen um jeden Preis?

Zwar wollen Trainer Spiele gewinnen und werden auch oft an diesen Ergebnissen gemessen. Das übergeordnete Ziel sollte jedoch die Ausbildung und Verbesserung von talentierten Spielern sein. Ein Aspekt, der mit diesem Gedanken konkurriert, ist die unterschiedlich schnelle physische und psychische Entwicklung von Kindern bzw. Jugendlichen, wie im Fall Guardiola. Wie die Karriere des herausragenden Spielers und Trainers Pep Guardiola verlaufen wäre, lässt sich nur erahnen. Guardiola selbst vermutet, er wäre in keiner anderen Fußballschule als La Masia unter dem Einfluss von Cruyff Profispieler geworden (Henseling, 2016). Stimmt die Vermutung Guardiolas, wäre dies, im Nachhinein ersichtlich, ein Auswahlfehler mit weitreichenden Folgen. Werden vermehrt körperlich weiterentwickelte Spieler bevorzugt, äußert sich dies oft in einem Relative Age Effect.

Was ist eigentlich der Relative Age Effect?

Im Jugendfußball werden Kinder nach ihrem chronologischen Alter eingeteilt. Ziel ist es, gleiche und gerechte Wettkampfbedingungen für Heranwachsende in ihren unterschiedlichen Entwicklungsniveaus zu schaffen (Baker et al., 2010). Der Deutsche Fußball- Bund hat für die Einteilung in Jahrgänge den 1. Januar als Stichtag festgesetzt. Jahrgänge werden wiederum als Doppeljahrgänge zu Altersklassen von U19 bis U7 zusammengefasst (DFB, o.J.). Trotz dieser Einteilung, die intendiert Chancengleichheit zu schaffen, entstehen Vor- bzw. Nachteile für die betroffenen Kinder. Diese Diskrepanz zieht wiederum kurz- und langfristige Konsequenzen mit sich, die unter dem Begriff „relative Alterseffekte“ (engl. „relative age effects“) (Baker et al., 2010, S. 3) fallen. Ein Relative Age Effect (RAE) liegt dann vor, „wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Normalbevölkerung verteilt sind“ (Lames et al., 2008, S. 4). Zahlreiche Studien zeigen bei Jugendauswahlmannschaften, wie beispielsweise in Junioren-Nationalmannschaften, eine Überrepräsentation von Spielern, deren Geburtstag zu Beginn des Jahres ist (Votteler & Höner, 2017).

Wie entsteht dieser Relative Age Effect?

Musch & Grodin (2001) bezeichnen Wettkampf als notwendige Bedingung für die Entstehung eines Relative Age Effects. Würden nur 15 Spieler für 15 freie Plätze in einer Mannschaft zur Auswahl stehen, wäre kein Relative Age Effect zu erwarten. Die Selektion von Sportlern, wie oben bereits angedeutet, kann somit als Grundvoraussetzung für den Effekt genannt werden. Auch die Größe des Pools, aus welchem selektiert wird, scheint entscheidend zu sein. Cobley et al. (2008) untersuchten die Entwicklung des Relative Age Effects von 1963/64 bis 2006/07 bei Spielern und Trainern und die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die steigende Population Deutschlands und immer größer werdende Beteiligung am Fußballsport den RAE beeinflusst.

Welche Gründe gibt es nun gibt, einen früh im Jahr geborenen Jugendspieler bevorzugt auszuwählen?

Primär werden Reifeunterschiede als Ursache für die systematische Bevorzugung relativ älterer Athleten genannt. Einige Studien (Barnsley et al., 1985; Nolan & Howell, 2010) fanden einen starken Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat und der Proportionen von Eishockeyspielern. Spieler, die in den ersten Monaten eines Jahres geboren wurden, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit physisch weiter entwickelt. Ein Mehr an Körpergröße und Masse kann die Folge sein, was sich (bis zu einem bestimmten Grad) positiv auf Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit auswirkt (Malina et al., 2004). Gerade in einem körperbetonten Spiel wie Fußball verschaffen die drei Variablen Körpermasse, Entwicklungsstand und Größe Spielern Vorteile, wenn es darum geht in  Auswahlmannschaften berufen zu werden.

Weitere Gründe die es zu beachten gilt:

Ein zweiter Ansatzpunkt ist die zusätzliche Erfahrung der relativ Älteren (Musch & Grodin., 2001). Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs, ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Ein 10-Jähriger hat somit 10% mehr Lebenszeit, was zu gesteigerter Lebenserfahrung führt.

Durch die Diskrepanzen in der Entwicklung entstehende unterschiedliche fußballerische Performance kann wiederum die psychische Entwicklung beeinflussen und dadurch den Relative Age Effect verstärken und stabilisieren (Musch & Grodin., 2001).

Weitere Informationen zum Relative Age Effect

Nun Teil zwei unserer Reihe. Welche Systeme im Jugendfußball sind vom Relative Age Effect betroffen? Warum fällt der RAE in verschiedenen Auswahlstufen unterschiedlich aus? Was bedeutet das Ganze eigentlich für die Spieler und Vereine Wir haben für euch wissenschaftliche Ergebnisse zusammengetragen und geben euch die Antworten.

Einflussfaktoren des Relative Age Effects

Betrachtet man die Entstehungsmechanismen des Relative Age Effects, ergeben sich verschiedene Determinanten. Da der Entstehung eine Selektion zu Grunde liegt, ist nicht verwunderlich, dass das Selektionsniveau von entscheidender Bedeutung ist.

Votteler & Höner (2011) begründen den in den DFB- Stützpunkten geringer ausgeprägten relative age effect mit dem in größerer Breite angelegtem Talentförderprogramm. Bei über 12.000 Spielern, die in den Genuss dieser Zusatzausbildung kommen, wird der Selektionsdruck gesenkt, was das Risiko herabsetzt relativ Ältere zu selektieren. Bei jeder Auswahlstufe mit gesteigertem Selektionsniveau nimmt auch die Effektstärke des RAE. Der größte Effect innerhalb der Talentfördermaßnahmen des DFB ist somit in den Junioren-Nationalteams festzustellen, da hier auch die geringste Kadergröße der Talentförderstufen zu beobachten ist.

Ein weiterer Einflussfaktor scheint das Alter zu sein. Vor allem das Alter ist nach Lames et al. (2008) dann von entscheidender Bedeutung, wenn:

  1. jener Athlet sich in einer sensiblen Entwicklungsphase befindet (Pubertät), in welcher die Entwicklungsunterschiede noch drastischer ausfallen können oder
  2. der Sportler relativ jung ist. Der relative Altersunterschied fällt bei jungen Nachwuchsspielern deutlicher ins Gewicht. Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs. Ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Ein 10-Jähriger hat somit 10% mehr Lebenszeit, was zu einem größeren Erfahrungsschatz führt. Ein Jahr bei einem 20-Jährigen bedeutet so zum Beispiel nur noch 5% Erfahrungsvorsprung.

Die Wechselwirung zwischen Absolut und Relativalter

Eine Wechselwirkung zwischen Absolutalter und Relativalter ist bis ins hohe Fußballeralter zu erkennen. Bäumler (1998) fand bei der Untersuchung von Bundesligaspielern eine deutliche Umverteilung der Geburtsdaten von Spielern, die am Anfang ihrer Bundesligakarriere stehen, z.B. in der Altersgruppe der 18- bis 20-Jährigen. Bei Betrachtung der 30- bis 32- und 33- bis 35-Jährigen ist jedoch erkennbar, dass deren Geburtsdaten nahezu gleichverteilt sind. Bäumler macht für diese Ergebnisse den ausklingenden Reifeprozess und damit ein Verschwinden der Vorteile durch das höhere Relativalter verantwortlich.

Als ein weiterer Einflussfaktor ist die Spielerposition zu nennen. Eine Analyse von Romann & Fuchslocher (2013) zeigte bei Schweizer Elite-Jugendspieler, dass Torhüter und Verteidiger, insbesondere Innenverteidiger, am stärksten vom Relative Age Effect betroffen waren. Der RAE hängt also mit dem physischen Anforderungsprofil der einzelnen Spielpostitionen zusammen. Auch Sportart und Geschlecht beeinflussen den Relative Age Effect. Ist Körperlichkeit in einer Sportart wichtig, ist zu erwarten, dass ein Relative Age Effect auftritt. Dass soziale Komponenten einer Sportart, wie beispielsweise deren Popularität entscheidend sein können, wurde bereits erörtert. Der Einfluss des Geschlechts wird vor allem durch die Tatsache deutlich, dass die Pubertät bei Jungen und Mädchen in unterschiedlichem Alter einsetzt.

Der Matthäus-Effekt

Relative Age Effect kann fatale Folgen nach sich ziehen. Werden relativ ältere Spieler nur aufgrund ihrer physischen Dominanz ausgewählt, besteht durchaus die Gefahr, dass kleinere, aber vermutlich talentiertere Fußballer nicht beachtet werden (Henseling, 2016). Ein Modell, das diesen Aspekt beschreibt ist der so genannte Matthäus-Effekt – benannt nach Kapitel 13, Vers 12 des Matthäusevangeliums. Dort heißt es: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Aus bereits beschriebenen Gründen werden relativ jüngere Spieler kaum selektioniert. Sie haben laut Romann et al. (2015) geringere Chancen auf spezielle Fördermaßnahmen (DFB-Auswahl, NLZ, etc.), bekommen von Trainern weniger positives Feedback und weniger Einsatzzeit, was wiederum die Leistung beeinflusst. Die Aufgabe des Sports oder der Wechsel in einen unterklassigen Verein (Dropout) kann im schlimmsten Fall die Folge sein. Bei relativ älteren Spielern ergibt sich das gegensätzliche Bild. Wegen der durch Entwicklungsvorsprung gegebenen besseren fußballerischen Gesamtleistung werden sie eher als Talent eingestuft, erhalten dadurch Fördermaßnahmen, Lob von Trainer, Familie und Mitspielern. Mehr anstatt weniger Motivation ist hier die Folge. Das Geburtsdatum kann bei der Talentselektion also als „Stolperstein“ auftreten, wie Abbildung 1 [Auswirkungen des Relative Age Effects (Romann & Fuchslocher, 2015)] veranschaulicht.

Folgen für Spieler und Verein

Folge des Matthäus-Effekts wäre demnach eine zusätzliche Verstärkung des Relative Age Effects. Lames et al. (2008, S. 8) nennen diese Problematik, dass gering Talentierte gefördert werden und manchen hoch Talentierten diese Förderung versagt bleibt, einen „doppelten Auswahlfehler“. Nimmt man an, Talent sei gleichmäßig auf ein Jahr verteilt, wird der Talentpool effektiv ausgeschöpft, wenn ein Talentfördersystem nicht vom Relative Age Effect betroffen ist – das System ist also effektiver, wenn es darum geht die Spieler in den eigenen Reihen zu haben, die Höchstleistung im Höchstleistungsalter bringen können. Der Relative Age Effect kann also als Kennzahl für uneffektive Selektion herangezogen werden. Interessanterweise zeigten sich bei der Analyse der drei deutschen U-17 Bundesligen signifikante Zusammenhänge zwischen dem Relative Age Effect und dem Erfolg, gemessen durch den Rang in der Tabelle (Augste & Lames, 2011). Umgekehrt ist scheinbar der RAE ein Gütekriterium dafür, die aktuell erfolgreichsten Spieler zu selektieren.

relative age effect

Vermeidungsstrategien für den Relative Age Effect

Wie lässt sich der Relative Age Effect nun aber vermeiden? Das und warum der Relative Age Effect nur eins von vielen Symptomen für ineffiziente Nachwuchsförderung sein kann, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Sensibilisierung

Die Bekämpfung des Systemfehlers Relative Age Effect beginnt mit dem umfassenden Verständnis der Thematik. Ein Relative Age Effect (RAE) liegt dann vor, „wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Normalbevölkerung verteilt sind“ (Lames et al., 2008, S. 4). Diese oder ähnliche Definitionen kennen die meisten unter Euch. Unabdingbar ist es von den Mechanismen dahinter zu wissen.

„Unser Rekord bisher ist die U10 Mannschaft eines Bundesligisten, in der die Hälfte der Spieler in den ersten sechs Wochen des Jahres geboren wurde, kein einziger Spieler stammt aus der zweiten Jahreshälfte.“

Kinder- und Lebenserfahrung

Grundvoraussetzung für eine Umverteilung, wie im Zitat beschrieben, ist eine Selektion (Musch & Grodin, 2001). Warum werden vermehrt früh im Jahr geborene ausgewählt?

Körperliche Reife: Studien fanden einen starken Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat und biologischer Reife (Barnsley et al., 1985; Nolan & Howell, 2010)
zusätzliche Erfahrung der relativ Älteren (Musch & Grodin., 2001): Vergleicht man beispielsweise ein Kind, das am 1. Januar Geburtstag feiert, mit einem Dezemberkind des gleichen Jahrgangs, ergibt sich ein Altersvorsprung von fast zwölf Monaten. Bei einem 10-Jährigen bedeutet das 10% mehr Lebenszeit.

Was lässt sich daraus schlussfolgern?

Diese beiden Aspekte führen in der Regel zu einer besseren Leistung im Kinder- und Jugendfußball. Problematisch wird die Selektion solcher Spieler meist dann, wenn sich die Unterschiede in der biologischen Reife und der Erfahrung so ausgleichen, dass sie kaum/ nicht mehr ins Gewicht fallen. Oft ist dies nach der Pubertät der Fall. Ist die frühere Leistungsauffälligkeit auf die genannten Faktoren zurückzuführen, folgt dann in der Regel eine Deselektion aus dem Nachwuchsleistungszentrum bzw. der Auswahlmannschaft. Man spricht dann von einem Auswahlfehler.

Genauerer Blicke auf die beiden zentralen Einflussfaktoren zeigen jedoch, dass die reine Orientierung am Geburtsdatum fehlerbehaftet sein kann, gerade wenn es darum geht nur einzelne Mannschaften oder Spieler zu beurteilen. Ist die Stichprobe derart klein, werden zwei Variablen interessanter, da ihre Aussagekraft deutlich höher ist als das bloße Geburtsdatum.

  • Biologische Reife
  • Trainingsalter

Ein früh im Jahr geborenes Kind muss nicht zwangsläufig akzeleriert (frühentwickelt) sein oder mehr Erfahrung im Fußball haben auch wenn dies statistisch wahrscheinlich ist. Der Relative Age Effect ist also vielmehr ein „nur“ ein Anzeichen dafür, dass vermehrt körperlich weiterentwickelte Spieler selektiert werden. Das eigentliche Problem, auf welches der RAE und die Untersuchungen dazu hinweist, ist die Selektion körperlicher Frühentwickler. Damit verbunden ist in vielen Fällen eine nicht nachhaltig denkende Nachwuchsförderung.

Die Problematik von Quoten-Regelungen

Geht es darum, wie man dem Relative Age Effect vorbeugen kann, tauchen immer wieder Quoten-Regelungen auf. Hier wird beispielsweise vorgeschrieben, dass 50% der Spieler einer Auswahl in der 2. Jahreshälfte Geburtstag haben. Gegen den RAE schafft das Abhilfe. Werden die Plätze aus der 2. Jahreshälfte nur mit frühreifen Spielern besetzt, wird das Problem lediglich verschoben. Außerdem besteht die Gefahr bei Quoten, dass sich Spieler nur zur Erfüllung ebendieser in den Kadern befinden und demnach wenig Spielpraxis sammeln. Gegenmaßnahmen, die nur die Geburtstage der Athleten berücksichtigen, sind also nicht zwingend zielführend – aber praktisch

Not macht erfinderisch

In allen Klassen und Auswahlen umsetzbar ist,  was der Schweizerische Fußballverband tut. Das Projekt FOOTECO hat unter anderem zum Ziel „den Durchbruch der Spätentwickler/Retardierten [zu] fördern“. Die Lösung der Schweizer sind Ausnahmeregelungen, die es retardierten Spielern ermöglicht in der nächst jüngeren Mannschaft zu spielen.
Kriterien für die Sondererlaubnis:

  • negative Abweichung des Gewichts, sowie der Körpergröße um mindestens -2 Standardabweichung diagnostiziert durch einen Arzt
  • ein Knochenalter, das mindestens ein Jahr unter dem chronologischen Alter liegt.

FOOTECO ist außerdem darauf ausgelegt die Talentselektion möglichst spät zu vollziehen und die Spieler lange zu fördern.
Ein kleines Fußballland wie die Schweiz kann es sich kaum leisten, den Talentpool nicht effektiv und effizient auszunutzen. Ähnlich ist die Lage in Belgien. Dort werden Nachwuchsspieler ab den U15-Nationalteams an nicht nach dem Geburtstag, sondern nach dem biologischen Alter eingeteilt (Meuren, 2018). Die Einteilung nach der biologischen Reife erwies sich dort als ein probates Mittel für die Spitzenförderung. In den niedrigeren Leistungsklassen ist dies jedoch nicht alltagstauglich.

Umdenken im Wettkampf

Interessanterweise zeigten sich bei der Analyse der drei deutschen U-17 Bundesligen signifikante Zusammenhänge zwischen dem Relative Age Effect und dem Erfolg, gemessen durch den Rang in der Tabelle (Augste & Lames, 2011). Der relevanter Grund für die Selektion körperlich stärkerer Fußballer ist der Erfolg. Das übergeordnete Ziel im Nachwuchsfußball sollte es nicht sein Wettkampferfolge im Jugendbereich zu feiern, sondern die Ausbildung von Spielern (Nachwuchsleistungssport) bzw. möglichst lange Sportbindung im Breitensport.

Hier setzen auch Maßnahmen von Roman et al. (2015) an:

  • Anpassung des Wettkampfsystems (Chancengleichheit und gleiche Spielzeiten für relativ jüngere garantieren).
  • Erhöhen der Partizipation (Spieler aus Q4 zum Fussballspielen ermutigen)
  • Relativ jüngere in Selektionen nicht benachteiligen.
  • Kein Erfolgsdruck für Nachwuchstrainer.
  • Trainer belohnen, die Spieler ausgebildet haben, die es später in den Profibereich geschafft haben.
  • Eltern, Funktionäre und Medien aufklären, dass nicht der kurzfristige Erfolg, sondern eine langfristige, nachhaltige Talententwicklung angestrebt werden sollte.

Was bleibt festzuhalten im Bezug auf den Relative Age Effect?

Maßnahmen, egal ob auf Vereins- oder Verbandsebene, funktionieren nur mit einem Umdenken bei allen Parteien im Nachwuchsfußball. Falscher Ehrgeiz bei Trainern, Eltern oder Vereinsverantwortlichen ist schädlich für das System Nachwuchsfußball und kann sich in einem Relative Age Effect manifestieren. Das Ergebnis ist meist kurzfristiger Erfolg statt langfristigem Talentaufbau.

Auf der Strecke bleiben körperlich schwächere Spieler. Unzureichende Förderung, frühere Dropout auf Grund fehlender Spielzeit oder geringere Partizipation sind die Folge – im Leistungs- wie im Breitensport.

QUELLEN

Augste, C., Lames, M. (2011). The relative age effect and success in German elite U-17 soccer teams. Journal of Sports Science, 29 (9), 983–987. doi: 10.1080/02640414.2011.574719.

Barnsley, R. H., Thompson, A. H., & Barnsley, P. E. (1985). Hockey success and birthdate: The relative age effect. Journal of the Canadian Association for Health, Physical Education and Recreation, 51, 23-28.

Lames, M., Augste, C., Dreckmann, C., Görsdorf, K., & Schimanski, M. (2008). Der “Relative Age Effect” (RAE): neue Hausaufgaben für den Sport. Leistungssport, 38 (6), 4-9.

Meuren, D. (2018). Die Gnade der frühen Geburt. FAZ. Abgerufen von: https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/gnade-der-fruehen-geburt-januarkinder-werden-eher-fussballprofi-15775261-p3.html

Musch, J., & Grondin, S. (2001). Unequal competition as an impediment to personal development: A review of the relative age effect in sport. Developmental review, 21 (2), 147-167. doi: 10.1006/drev.2000.0516.

Nolan, J. E., & Howell, G. (2010). Hockey success and birth date: The relative age effect revisited. International Review for the Sociology of Sport, 45 (4), 507-512. doi: 10.1177/1012690210371560.

SFV (2014). Abgerufen von: http://www.football.ch/…/med_kom_d_kriterien_biolog_alter_1…)

Romann, M., Javet, M., & Fuchslocher, J. (2015). Relative Age Effect im Kinder-und Juniorenfussball. Magglingen: EHSM.

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Scroll to Top