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JUGENDSPIELER ALS „TRIVIALMASCHINEN“?

Zweikampf Training
  • Der Fähigkeitserwerb bei Jugendspielern funktioniert nicht wie eine Trivialmaschine
  • Individualtraining fehlt Gegnerdruck und erfahrbares Feedback.
  • Entscheidend für den Ausbildungserfolg ist nicht die Zahl der Coachings, sondern die Zahl der spielnahen Aktionen.

Bei der Betrachtung des WM Debakels waren sich viele Experten und Funktionäre einig. „Trotz aller Systematik braucht es mehr Platz für Individualisten“, formulierte es beispielsweise Oliver Bierhoff. Warum ausgerechnet Dribbler? Die Einschätzung des 11Freunde-Redakteurs Christoph Biermann: „Gute Dribbler stehen gerade wieder besonders hoch im Kurs, weil sie die oft festgefahrenen Spielsituationen im Fußball aufbrechen, indem sie für kreatives Chaos sorgen.“ Die Erkenntnis fällt rückblickend leicht, bei der Umsetzung in der Ausbildung gestaltet sich das schon schwieriger. Müssen wir individueller trainieren, um die Jugendspieler mit „individueller Klasse“ auszubilden? Mehr „Dribblingtraining“ in unser Ausbildungsphilosophie verankern?

DIE TRIVIALMASCHINE JUGENDSPIELER?

Was versteht man unter einer Trivialmaschine? Im Duden wird das Wort „trivial“ mit platt und abgedroschen umschrieben. Bei einer Trivialmaschine handelt es sich um eine einfach zu bedienende Maschine. Ein Input hat einen bestimmten Output zur Folge. Zum Beispiel: Ein Getränkeautomat. Man wirft einen festgeschriebenen Betrag ein und bekommt anschließend das gewünschte Getränk. 

In der Erziehung wird diese Metapher verwendet, wie Schüler oft gesehen werden aber eben nicht sind: „programmierbare, nicht individuelle Lernmaschinen“ (http://blogfarm.medienbildung-unifl.de/mlund/schueler-als-trivialmaschine/). Das, was der Lehrer an Input gibt hat einen festen Output zur Folge – so der in der Praxis zu beobachtende Irrglaube. Ungewünschtes Verhalten und die darauffolgende Zurechtweisung sollen im Sinne des Erziehenden eine Verhaltensänderung zur Folge haben. 

Dieses Denken ist auch im Jugendfußball zu beobachten: Die Fähigkeits- und Fertigkeitsausbildung im Nachwuchsfußball funktioniere wie eine Trivialmaschine. Training von Passstafetten verbessert das Passspiel meiner Schützlinge und die Passfolgen werden ins Spiel übertragen. Dribbelparcours verbessern das Dribbling, rüsten Spieler für 1-gegen-1-Situationen. Fehlt eine Robustheit bei meinen Spielern brauch ich als Trainer eine Übung, um das zu beheben. So logisch das klingen mag, die Schlussfolgerungen und Zusammenhänge sind meist nicht so trivial, wie es oft angenommen wird.

DIE TRIVIALMASCHINE JUGENDSPIELER?

Die Gründe warum der Übertrag ins Training scheitert sind vielfältig. Zum einen fehlt in der Umsetzung oftmals ein kleiner aber entscheidender Aspekt: Gegnerdruck oder Präzisionsdruck. So werden isolierte Technikübungen mit vielen Wiederholungen geübt ohne die charakteristischen Druckbedingungen, die im Spiel auf die Spieler warten. Dabei haben solche spielnahen Trainingsformen noch mehr Vorteile. Perfekt zusammengefasst und auf den Punkt gebracht, hat dies Trainingswissenschaftler Prof. Dr. Martin Lames in unserem SPIELTRIEB-Podcast:

Ein weiterer entscheidender Punkt ist das Coaching. Als Trainer kann ich nicht davon ausgehen, dass mein Coaching (Input) bei allen Spielern den gleichen Output, beispielsweise eine Verhaltensänderung zur Folge hat. Manche Kinder sind empfänglicher für explizites Coaching manche weniger. Hinzu kommen für Heranwachsende charakteristische Schwankungen: Stress in der Schule, Schlafdefizite, Nachwirkungen vom Wochenende oder einfach nur unglückliche Aktionen am Anfang des Trainings. „Das führt in die Schwierigkeit, daß kein [Trainer] den Innenzustand seines [Spielers], also das, was dieser während des [Coachings] real erlebt, erinnert, erwartet, kennen kann.“ [sic] (Luhmann, 1991)

Für Trainer ergibt sich nun die Herausforderung möglichst viele seiner Schützlinge individuell „abzuholen“ und zu coachen. Gezielt Fehler in Spiel- und Übungsformen beobachten. Immer wieder gemeinsam mit dem Spieler nach Lösungsansätzen für seine  Fehler suchen.

DIE „INDIVIDUELLE KLASSE“ FÖRDERN

Verinnerlicht man die Theorie des impliziten Lernens ergeben sich daraus Möglichkeiten individuelle Klasse zu fördern. Es ist nicht wichtig möglichst viel zu coachen, vielmehr muss eine Vielzahl von spielnahen Situationen gewährleistet werden, in welchen sich die Spieler beweisen können. Eben nicht nur Trainingsformen ins Training einbauen in denen Zweikämpfe enthalten sind, sondern auch die richtige Frequenz sollte gegeben sein:

Dabei mitentscheidend: Optimales Verhältnis zwischen Pausen und Aktionen. Ein Steuerungselement, das hier auch individuell eingesetzt werden kann ist das Coaching. Probleme des Individualtrainings liegen auf der Hand: Gegnerdruck und sichtbares Feedback fehlen. Feedbackinstanz Nummer 1 ist der Trainer. 

Auch PSG-Trainer Thomas Tuchel sieht Probleme individuell zu trainieren:    

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